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Buchbesprechung: Jean Regnaud & Émile Bravo “Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen”

Cover Regnaud & BravoLesealter 10+(Carlsen-Verlag 2009, 118 Seiten)

Was für eine langer Titel! Allerdings auch einer, der den Leser in die Irre führt … Denn in der Graphic Novel von Jean Regnaud (Text) und Émile Bravo (Illustration) geht es mitnichten um Indianer und Buffalo Bill, wie das Buchcover zusätzlich noch suggerieren könnte. Das Buch handelt vielmehr von einem Jungen namens Jean, der in Frankreich lebt und seine Mutter nicht kennt. Aber dazu gleich mehr …

Jean kommt in die erste Klasse, doch die Schule entwickelt sich für ihn eher zu einem Graus als zu einem Ort von Freude, was zum einen an seiner alten Lehrerin, zum anderen an den Klassenkameraden liegt, die mit ihm nicht viel zu tun haben wollen. Glücklicherweise kommt ein anderer Junge, der niemanden kennt, in die Klasse, und so hat Jean in Alain wenigstens einen Freund.

Jean und sein Bruder Paul leben bei ihrem Vater – ihre Mutter, das wird den beiden zumindest gesagt, ist schon seit langem auf Reisen, so dass sie nur noch blasse Erinnerungen an ihre Mutter haben. Um die beiden Kinder kümmert sich das reizende Kindermädchen Yvette, die Jean und Paul über alles lieben. Sie träumen davon, dass Yvette ihre Mutter wäre, doch diese wehrt sich jedes Mal, wenn sie sie Mutter nennen.

Michèle, das zwei Jahre ältere Nachbarsmädchen, spielt mit Jean immer nur, wenn niemand anderes dabei ist – andernfalls schämt sie sich, mit einem kleinen Jungen die Zeit zu verbringen. Und Michèle ist es auch, die irgendwann damit beginnt, Jean erfundene Postkarten von seiner Mutter vorzulesen. Weil Jean ja noch nicht lesen kann, merkt er das nicht. Die Mutter schreibt aus der Schweiz, dass es dort geschneit und sie eine Kuckuchsuhr gekauft hätte, dass sie Jean vermisst – und eines Tages auch davon, dass sie in Amerika ist:

Regnaud/Bravo: Brief von der Mutter aus Amerika

Lange versteht Jean nicht, was mit seiner Mutter wirklich los ist, und er wundert sich, dass alle Erwachsenen (vor allem die Freundinnen seiner Oma) ihn immer tätscheln und bemitleiden … Erst am Ende des Buches beginnt er zu ahnen, wie es um seine Mutter steht. Doch bis dahin ist es ein langer Weg, bei dem Jean u. a. auch zum Psychologen der Schule geschickt wird.

„Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen“ (Übersetzung: Kai Wilksen) ist eine einfühlsame Geschichte, die davon erzählt, wie einem 6-Jährigen verschwiegen wird, dass seine Mutter tot ist. Das Tolle an dem Buch ist, wie authentisch alles aus der Sicht eines Jungen berichtet wird: Wie er sich darüber wundert, dass die Erwachsenen ihn so komisch behandeln, wie er sich so sehr eine Mutter wünscht, wie er sich bei den Großeltern-Besuchen langweilt u. v. m. Als Leser darf man da auch mal lachen – z. B. wenn sich Jean über die stinkenden Füße seines Großvaters mokiert, sobald dieser seine Schuhe auszieht.

Die Illustrationen von Émile Bravo sind liebevoll und kindgerecht und passen bestens zur kindlichen Erzählweise der Graphic Novel. Die Hintergrundfarben der 14 Kapitel wechseln ständig und sind eher gedeckt als grell gehalten. Doch auch das fügt sich in den eher traurigen Grundtenor des Buches.

Regnaud/Bravo: Die Lehrerin stellt den Psychologen vor.

Sprechblasen mit Text sind findet man in Regnaud und Bravos Buch übrigens eher selten. Die Bilder enthalten meist einen beschreibenden Text, der die Geschichte aus Jeans Sicht erzählt.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen“ ist ein Buch für Jung und Alt: für Kinder von 6 bis 8 Jahren eher zum gemeinsamen Lesen und Anschauen, für die ab 10-Jährigen auch zum Selberlesen – und schließlich für Erwachsene, die sich unterhaltsam für eine Stunde in die Kindheit versetzen wollen. Sehr behutsam wird beschrieben, wie ein Kind es erlebt, ohne Mutter aufzuwachsen, ohne von den Erwachsenen darüber aufgeklärt worden zu sein.

Es ist wie beim Weihnachtsmann: Erst irgendwann merkt Jean, dass seine Mutter tot ist – genauso wie er irgendwann im Verlauf des Buches mitbekommt, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Mit den Illustrationen ist das Buch von Jean Regnaud und Émile Bravo eine runde Sache.

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(Ulf Cronenberg, 02.07.2009)

(Dem Carlsen-Verlag sei gedankt für die Erlaubnis, zwei Buchseiten in die Buchbesprechung übernehmen zu dürfen.)

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