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Buchbesprechung: Anthony McGowan “Der Tag, an dem ich starb”

Cover McGowanLesealter 14+(Ravensburger-Verlag 2009, 250 Seiten)

Das Buchcover ist nicht ganz ohne: mit der Messerspitze und den Blutspritzern. Und dann noch der Titel: „Der Tag, an dem ich starb“. Anthony McGowan hat bereits zwei Jugendbücher geschrieben (das behauptet zumindest der Buchumschlag) – aber wenn ich nichts übersehen habe, so ist das nun bei Ravensburger erschienene Buch sein erstes, das auf Deutsch zu lesen ist. Und „Der Tag, an dem ich starb“ ist – das sei schon vorweggenommen – ein Thriller, der es in sich hat und den man lesen sollte …

Inhalt:

Paul ist 16 Jahre alt und steht in der Schule nicht gerade gut da. Er besucht vor allem die Kurse, in denen die weniger begabten Schüler versammelt sind – auch wenn ihm manche Lehrer immer wieder versichern, dass er mehr leisten könne, wenn er sich Mühe geben würde. Doch letztendlich ist Paul die Schule ziemlich egal. Auch Freunde hat er eigentlich nicht – er ist eher Zielscheibe der täglichen Schikanen, die von anderen Schülern ausgehen. So werfen z. B. Roth, Miller und Bates eines Tages im Unterricht Kaugummikügelchen in seine Haare. Doch wer am Ende bestraft wird, ist Paul, weil er sich irgendwann im Unterricht zur Wehr setzt.

Roth ist, was das Drangsalieren anderer angeht, der Schlimmste von allen. Regelmäßig schikaniert er andere ohne Rücksicht auf Verluste – und er ist zweifellos der King an der Schule, dem sich niemand zu widersetzen traut. Als Roth eines Tages auf Paul zugeht, ahnt dieser Schlimmes. Roth bietet ihm 10 Pfund an, wenn er ein Päckchen zu Goddo, dem Wortführer der verfeindeten Temple-Moor-Schule, bringt. Auf der Suche nach Anerkennung, die ihm Roth das erste Mal zu geben scheint, stimmt Paul dem Vorhaben zu – auch wenn er sich schon kurz darauf dafür schilt, nicht ganz richtig im Kopf zu sein. In dem Päckchen sind bestimmt Drogen … – und er ist der Kurier.

Doch Paul liefert das Paket bei Goddo ab – und hätte sich besser aus dem Staub machen sollen, bevor dieser das Päckchen auspackt. Denn darin befindet sich quasi eine Kriegserklärung an Goddo: Roth hat Goddos kleinen Hund umgebracht und ihm in dem Päckchen dessen Kopf zurückgeschickt. Doch zum Abhauen ist es zu spät, die Freunde Goddos fangen an, Paul zu verprügeln, bis Goddo dem Einhalt gebietet: Paul solle Roth die Nachricht überbringen, dass Goddo diesen umbringen würde …

Bewertung:

Ein gewalthaltiges Buch ist „Der Tag, an dem ich starb“ (Übersetzung: Katarina Ganslandt) in jedem Fall – aber das war angesichts des Titels und des Buchcovers ja auch zu erwarten. Was Anthony McGowan in seinem Jugendbuch schildert, ist ziemlich heftig. Gewalt ist an Pauls Schule an der Tagesordnung, die Lehrer greifen nicht durch (teilweise schikanieren sie im Gegenteil eher selbst ihre Schüler), und das oberste Gebot der Schüler heißt, andere nicht zu verpetzen, haben sie auch noch so schlimme Dinge getan. Paul steht in all dem mittendrin, ohne eigentlich wirklich Freunde zu haben.

McGowans Buch handelt von einem Jungen, der in seinem Leben schwimmt und nicht so recht weiß, was er mit sich anfangen soll. Als Roth versucht, Paul durch den Botenauftrag zu seinem Verbündeten zu machen, ist Paul hin- und hergerissen: Einerseits tut es ihm gut, von jemandem beachtet zu werden, andererseits spürt er, dass er die Gewalt, die von Roth ausgeht, eigentlich ablehnt. Und so kommt Paul, weil er eben doch Anerkennung braucht, irgendwann – fast aus Versehen – auf die falsche Bahn …

Letztendlich ist „Der Tag, an dem ich starb“ ein subtiles Buch, das unter der Oberfläche trotz der markigen äußeren Gewalt sehr genau beschreibt, wie psychische und physische Gewalt funktioniert. Wenn man genau liest (und das sollte man), wird die Gewalt dabei demontiert … Ja, auch wenn es etwas paradox klingen mag: Anthony McGowans Buch ist, obwohl es die Gewalt so ausführlich und intensiv beschreibt, ein Buch, das sich gegen Gewalt wendet.

Dass der Jugendroman etwas braucht, bis er wirklich packend wird, ist vielleicht die einzige kleine Schwäche des Romans. Das gilt sowohl für die Geschichte, die ihr Netz erst langsam zuzieht, als auch für den Schreibstil, der mit jeder Seite treffsicherer und packender wird. Was für mich als eher harmlose Mobbing-Geschichte begann, entpuppte sich mit zunehmender Lesedauer als Buch, das ich nicht mehr aus der Hand legen konnte. Ansonsten gibt es an dem Buch nichts zu bekriteln – im Gegenteil: Wie Anthony McGowan die Geschichte enden lässt, ist nicht nur plausibel, sondern genial und noch dazu höchst überraschend.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Der Tag, an dem ich starb“ ist ein erschreckendes und zugleich faszinierendes Buch, an dem ich bewundere, wie meisterhaft Anthony McGowan die Gratwanderung, über und gegen Gewalt gleichzeitig zu schreiben, gelungen ist. Das können nicht viele Jugendbuchautoren. Trotzdem: Ein Buch für zartbesaitete Leser ist das nicht. Da muss man beim Lesen schon einiges wegstecken können.

Was den Stil anbelangt, hat mich Anthony McGowans Buch, je weiter ich gelesen hatte, an Kevin Brooks erinnert. Wie Brooks schildert McGowan bedrängend, wie ein Junge in den Sog der Gewalt gezogen wird, um am Ende nicht mehr herauszukommen. Hier sitzt – wie bei Kevin Brooks – jedes Wort, und man kann sich dem als Leser nicht entziehen. Anthony McGowan – den Namen des Autors werde ich mir jedenfalls merken.

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(Ulf Cronenberg, 28.06.2009)

Lektüretipp für Lehrer!

Es gibt so etwas wie Klassiker, die als Jugendbuch im Deutschunterricht gelesen werden. Und dazu gehört sicher auch Jan Guillous „Evil. Das Böse„, wenn es um das Thema Gewalt geht. Anthony McGowans „Der Tag, an dem ich starb“ reiht sich hier nahtlos ein, denn es ist ein Buch, das zwar einerseits heftig ist, andererseits aber Stoff für viele Diskussionen über die Themen Mobbing, Gewalt und Zivilcourage bietet.

Mut, das Buch im Deutschunterricht (frühestens ab der 9. Jahrgangsstufe – am ehesten in Klassen mit vielen Jungen) zu besprechen, gehört da natürlich dazu. Und den Eltern sollte man vorab auch von seinem Vorhaben berichten und es ihnen erklären. Aber auch Schule muss sich mit dem auseinandersetzen, was Jugendliche täglich in Fernsehen und Computerspielen an Gewalt präsentiert bekommen. „Der Tag, an dem ich starb“ kann genau das leisten … Und dass Anthony McGowans Buch auch von literarischer Seite her gelungen ist, außerdem den Ton von Jugendlichen durchaus trifft, dürfte diese Buchbesprechung hoffentlich vermittelt haben.

Kommentare (0)

  1. Anthony McGowan

    Vielen Dank für die unglaublich großzügige und nette Rezension!
    Anthony McGowan
    (Bitte verzeihen Sie meine Unkenntnis der deutschen Sprache.)

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    1. Ulf Cronenberg

      You’re welcome … I really appreciated your book!

      Ulf

      Antworten
  2. Christoph

    In der Inhaltszusammenfassung steht Klebstoffkügelchen, doch im Buch werden Kaugummikügelchen genannt.
    Sonst ist das Buch sehr interresant und hat ein packendes Ende.

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    1. Ulf Cronenberg

      Nun, dann glaube ich das mal, ohne es eigens nachzugucken, und ändere es entsprechend. Danke!
      Es gibt doch nichts über aufmerksame Leser von Buchbesprechungen … 🙂

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  3. Darkness131

    Da fehlt noch eine Einzelheit: Paul freundet sich mit den „Freaks“ an (oder wie es im Buch steht: mit den Emos) – das ist auch eine kleine, aber wichtige Einzelheit.

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  5. Stefanie

    I like the book very much. Sometimes I was scared! At the moment, it’s my favourite book. Sorry, my english isn’t very good.

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  6. Mariechen

    „Anthony McGowan – den Namen des Autors werde ich mir jedenfalls merken.“
    Gleiches sollte für die Übersetzerin Katarina Ganslandt gelten, die den Roman tadellos ins Deutsche übertragen hat.
    Schade, dass ÜbersetzerInnen auch hier so kurz gehalten werden, wenn sie überhaupt Erwähnung finden.

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    1. Ulf Cronenberg

      Wenn ich es nicht vergesse, werden die Übersetzer seit einigen Jahren immer erwähnt … Der Grund, warum ich meist nicht mehr schreibe, ist einfach: Ich kenne ja die Originale der Bücher nicht, von daher kann ich die Übersetzungsqualität nicht zuverlässig einschätzen. Klar kann man sagen, dass sich ein Buch flüssig liest und dass das natürlich auch einiges mit der Übersetzung zu tun hat. Aber weiß ich, ob das Original in der Übersetzung stimmig wiedergegeben wurde? Ob die Übersetzung Fehler enthält? Das kann man nur durch eine gezielte Gegenüberstellung von Original und Übersetzung ermessen. Und bevor ich Fragwürdiges schreibe, lasse ich es lieber sein. So Standardsätze wie „Das Buch wurde kongenial von xy übersetzt.“, wie man sie bei manchen Rezensionen findet, sind auch nicht gerade aussagekräftig (und werden meist auch nicht belegt).

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  7. Katarina

    Hallo Mariechen und Ulf,
    zunächst mal, danke, Mariechen, dass du dich so für uns Übersetzerinnen und Übersetzer einsetzt, und danke, Ulf, für deine tollen Rezensionen, die ich seit Jahren mit viel Gewinn und Vergnügen lese. Deshalb ist mir auch aufgefallen, dass du irgendwann angefangen hast, die Übersetzer zu erwähnen (in den ganz frühen Kritiken hast du das, glaube ich, noch nicht getan), was mich sehr gefreut hat, weil wir ja tatsächlich viel zu oft nicht für wichtig gehalten werden. Ich gebe dir aber auch recht, dass eine fundierte Übersetzungskritik ohne den Vergleich mit dem Original gar nicht möglich ist, und bin deshalb schon völlig zufrieden, wenn ich namentlich erwähnt werde. Unbescheidenerweise nehme ich dann Sätze wie „Hier sitzt – wie bei Kevin Brooks – jedes Wort, und man kann sich dem als Leser nicht entziehen“ oder „Schreibstil, der mit jeder Seite treffsicherer und packender wird“ auch als kleines Kompliment an mich selbst. Wenn das Buch auf Deutsch schön zu lesen ist, kann die Übersetzerin nicht so schlecht gearbeitet haben … 🙂

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    1. Ulf Cronenberg

      Hallo Katharina,
      ja, solche positiven Bemerkungen kannst du natürlich als Übersetzerin als Kompliment verstehen. Bei einer schlechten Übersetzung würde man so was nicht anmerken können. Und ich schätze mal, dass es sogar Bücher gibt, die durch die Übersetzung verbessert werden. Aber das könnte man nur als sachkundiger Kenner des Originaltextes herausfinden. (Kevin Brooks hat mal – das ist aber sicher Understatement – gesagt, dass Uwe-Michael Gutzschhahn seine Bücher besser mache, als sie im Original seien …)
      Dass ich die Übersetzer inzwischen erwähne, hat seinen Grund. Gabriele Haefs hat bei der Verleihung des Übersetzer-Preises im Rahmen des Dt. Jugendliteraturpreises 2009 eindrücklich auf die Situation der Übersetzer hingewiesen: dass sie unterbezahlt und zu wenig gewürdigt werden, und das haben mir viele andere bestätigt. Für mich folgte daraus, dass ich die Übersetzer ab sofort immer erwähnen wollte. Und wenn ich es nicht vergesse, mache ich das seitdem.
      Herzliche Grüße, Ulf

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