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Buchbesprechung: Jaromir Konecny “Doktorspiele”

Cover KonecnyLesealter 15+(cbt-Verlag 2009, 159 Seiten)

Ja, das ging schnell … Gestern noch die Buchbesprechung von Nadia Buddes „Such dir was aus, aber beeil dich!“, heute schon Jaromirs Konecnys „Doktorspiele“ als nächste Buchbesprechung. Aber es gibt eben Bücher, die liest man (in diesem Fall in zwei Schwüngen) einfach so herunter.

Jaromir Konecny ist vor allem als Gewinner vieler Poetry Slam-Wettbewerbe bekannt geworden und ist damit (neben Mischa-Sarim Vérollet mit “Das Leben ist keine Waldorfschule”) der zweite Vertreter dieses Genres, von dem bei Jugendbuchtipps.de ein Buch vorgestellt wird. Doch anders als Vérollet hat Jaromir Konecny keine Kurzgeschichtensammlung, sondern einen richtigen Jugendroman geschrieben.

Inhalt:

Andi ist 16 Jahre alt und hat wie die meisten Jungen in seinem Alter nur eines im Kopf: Sex. Und die passende Erklärung hierfür hat er auch erst kürzlich im Internet gefunden: Während der Pubertät steigt bei Jungen der Testosteron-Spiegel um das 25-fache, während er sich bei Mädchen gerade mal um den Faktor fünf erhöht. Kein Wunder also, dass er ständig von Sex träumt, sich allerdings mit Masturbieren zufrieden geben muss, da die Mädchen sich nicht wirklich für ihn interessieren.

Seine Cousine Lilli hat er das letzte Mal als Kind bei ihrer Großmutter gesehen, die kurz darauf gestorben ist – das ist lange her. In Erinnerung geblieben ist ihm dabei vor allem, dass er, Lilli und ihr Bruder Tim Doktorspiele gemacht haben – sowie Lillis Satz, ob denn alle Pimmel so klein seien wie seiner. Ein Satz, der Andi noch immer durch den Kopf spukt und sein diesbezügliches Selbstbewusstsein nach wie vor bremst.

Doch dann kündigt Andis Mutter an, dass Lilli in den bevorstehenden Sommerferien für zwei Wochen bei ihnen wohnen wird, weil Lillis Familie in die USA reist, sie aber nicht mitnehmen kann. Die sexuelle Fantasie Andis bekommt einen neuen Schub – doch wenn er ehrlich ist, hat er auch Angst vor seiner Cousine, weil diese seinem Selbstbewusstsein in der Kindheit einen gehörigen Dämpfer versetzt hat. Doch als er Lilli schließlich sieht, kann er nicht anders, als nur noch an sie zu denken – doch die Kontaktaufnahme mit ihr, die Andi in Gedanken so oft durchgespielt hat, misslingt fürs Erste gründlich.

Bewertung:

Dass ich Jaromir Konecnys „Doktorspiele“ ziemlich schnell ausgelesen hatte, habe ich ja schon erwähnt – und der Grund dafür ist, dass der Autor ein witziges Buch geschrieben hat, bei dem man immer wieder lachen, ja sogar laut losprusten muss. Darüber hinaus hat die Geschichte einen geschickt aufgebauten Spannungsbogen, der einem am Lesen hält. Man will schließlich wissen, ob Andis Werben um Lilli erfolgreich ist. Und während man auf die Zielgerade zusteuert, wird man mit allerlei Missgeschicken und Missverständnissen, die auf dem Weg zum Ziel lauern, bestens unterhalten.

Die Story hat also zumindest Fahrt, sie lebt eher von dem Mittel der Überzeichnung als von tiefgründigen Gedanken über die Zeit der Pubertät. Aber warum auch nicht? An Übertreibungen, die jedoch immer liebevoll bleiben, wird jedenfalls nicht gespart – ob für die Beschreibung von Andis Familie oder für die Darstellung seiner sexuellen Fantasien. Die Mutter des Jungen lebt von ihrer Naturheilpraxis, glaubt an Engel und pendelt alles Mögliche aus (z. B. die guten Schwingungen von Bio-Eiern, die ihr Sohn vorher – alles andere als Bio – bei Aldi gekauft hat). Andis Vater dagegen verdient keinen Cent mehr und sammelt antiquarisch wertvolle Bücher. Und Andi schafft es doch glatt, beim Masturbieren das Kosmetikschränkchen seiner Mutter im Bad von der Wand zu holen. So reiht sich Joke an Joke …

Zu lachen gibt es also genug, und Jaromir Konecny versteht es, witzig, aber auch ohne Hemmungen und Scheu, selbst wenn es um Sexualität geht, die Gedanken, Gefühle und Sehnsüchte eines pubertierenden Jungen in Worte zu kleiden. Dass dabei trotzdem alles sympathisch und liebevoll bleibt, ist nicht selbstverständlich. Und am Ende warten noch einige Überraschungen auf den Leser.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Doktorspiele“ hat mich alles in allem bestens unterhalten, und die vielen Übertreibungen, vor denen das Buch nur so strotzt (ja, das ist Poetry Slam!), bleiben durch die Selbstironie, mit der Andi seine Geschichte erzählt, immer humorvoll und liebenswürdig.

Jaromir Konecnys Buch ist vielleicht nicht gerade ein Vorlesebuch für die Schule – auch Buchbesprechungen kennen Ironie 😉 –, und auch nur bedingt ein Buch für Mädchen (die sich allerdings, sofern sie sich an das Buch herantrauen, ebenfalls amüsieren dürften) … Nein, die Zielgruppe sind wohl eher Jungen ab 14 oder 15 Jahren. Und wenn man das Buch alleine liest, dürfte man trotz hundertfachem Vorkommen von Wörtern wie „Wichsen“ und „Möse“ nur begrenzt rot im Gesicht anlaufen.

Lasst das Buch vielleicht nicht unbedingt am Frühstückstisch liegen. Eure Eltern könnten es euch wegnehmen – um euch vor dessen pornografischen Ungeheuerlichkeiten zu beschützen, oder am Ende sogar, um es selbst zu lesen …

blau.giflila.gifrot.gifgelb.gifgruen.gif

(Ulf Cronenberg, 23.05.2009)

Kommentare (0)

  1. Christoph Enzinger

    War neulich bei einer Dichterlesung von Jaromir Konecny. Ich wollte diesen Autor einfach mal kennenlernen und hören. Er las aus „Hip und Hop und Trauermarsch“ (das ich schon gelesen hatte und sehr gut fand. Es ist nicht nur ein guter Jugendroman, sondern auch ein Sachbuch über Hip Hop, Rap und Poetry Slams) und aus „Doktorspiele“.
    Da das Publikum hauptsächlich aus Schulklassen bestand, erzeugten die erwähnten „vulgären“ Wörter eine etwas seltsame, betretene Stimmung… Aber zwischendurch erzählte Konecny immer tschechische Polizistenwitze, die wiederum vom jugendlichen Publikum auch nicht immer verstanden wurden. Vielleicht schreibt Konecny doch Jugendbücher für Erwachsene?

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    1. Ulf Cronenberg

      Hallo Christoph, wie gesagt, ein Buch zum Vorlesen bei Jugendlichen ist das wohl eher nicht – dafür ist vieles zu peinlich genau benannt. Wenn, dann funktioniert das Buch für Lesungen wohl am ehesten bei jungen Erwachsenen.
      Ansonsten würde ich das Buch zum Selbstlesen durchaus von der Thematik her als Jugendbuch ansehen – der Spannungsbogen entspricht sehr gut Jugendlichen – und die Tabubrüche in dem Buch mögen jugendliche Leser bestimmt auch (solange sie nicht öffentlich gemacht werden).
      Viele Grüße, Ulf

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  4. Beatrix Petrikowski

    Ich würde allen jungen Leuten eher noch dazu raten, das wirkliche geniale Buch extra auf dem Frühstückstisch wie beiläufig liegen zu lassen. Denn es wird höchste Zeit, mit verklemmter Sexualität aufzuräumen!

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