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Buchbesprechung: Saci Lloyd “Euer schönes Leben kotzt mich an”

Cover LloydLesealter 13+(Arena-Verlag 2009, 343 Seiten)

Der April 2009 war in Deutschland der wärmste April seit dem Beginn verlässlicher Wetteraufzeichnungen vor knapp 120 Jahren; die jährliche Jahresdurchschnittstemperatur ist in den letzten Jahrzehnten deutlich angestiegen – solche Meldungen häufen sich in den letzten Jahren. Die führenden Klimaforscher sind sich inzwischen einig, dass diese Klimaveränderungen nicht von normalen Schwankungen, wie es sie immer auf der Erde gab, herrühren, sondern auf den menschlichen Einfluss, insbesondere den rasanten Anstieg von Treibhausgasen wie CO₂ zurückzuführen sind.
Saci Lloyd hat diese Entwicklungen in einem Zukunftsroman, der den Untertitel „Ein Umweltroman aus dem Jahr 2015“ trägt, weitergesponnen – ein ehrbares Vorhaben.

Inhalt:

London 2015. Seit einem großen Sturm, der schlimme Verwüstungen angerichtet hat, ist nichts mehr so, wie es war. Die Energieversorgung ist nicht mehr sichergestellt, und entsprechend haben die Politiker in Großbritannien drastische Maßnahmen ergriffen: Die Menschen haben pro Monat nur noch eine bestimmte Menge an Energie zur Verfügung, die genau kontrolliert wird. Wer mehr verbraucht, hat mit massiven Sanktionen zu rechnen … Und die Menschen spielen in dieser Zeit verrückt.

Das gilt auch für die Familie der 16-jährigen Laura. Ihre ältere Schwester Kim lässt nicht mehr mit sich reden und macht, was sie will, und auch ihre Eltern scheinen überhaupt nicht mehr miteinander zurecht zu kommen. Selbst Laura macht das Leben keinen Spaß mehr. Das Einzige, was sie noch motiviert, ist ihre Band, die sich Dirty Angels nennt und in der sie Bassgitarre spielt.

Als Lauras Vater schließlich seinen Lehrerjob verliert, spitzt sich alles noch weiter zu. Erst lässt ihr Vater sich total gehen, ertränkt seine Sorgen im Alkohol und vernachlässigt sein Äußeres. Als diese Phase vorbei ist, tauscht er, ohne mit seiner Frau zu sprechen, deren Auto, einen Saab, gegen ein Schwein sowie verschiedene Lebensmittel und Pflanzen ein. Sein neues Projekt ist es, die Familie damit zu ernähren. Doch was fürsorglich gedacht war, endet im Chaos, weil Lauras Mutter es nicht mehr mit ihrem Mann aushält und deswegen die Familie verlässt. Außerdem spielt das Klima zunehmend verrückt: Auf eine lang anhaltende Dürreperiode im Sommer folgt auch die Rationierung des Wassers … Das schöne Leben ist vorbei.

Bewertung:

Schon öfter habe ich mir gewünscht, dass gute Science-Fiction-Bücher für Jugendliche geschrieben werden, um Jugendliche zum Nachdenken zu bringen. Die globale Erwärmung und die Klimaveränderung sind solche Themen, die in letzter Zeit – soweit ich das mitbekommen habe – nur in nicht gerade gelungenen Jugendbüchern wie Reinhold Zieglers „Nachtläufer“ aufgegriffen wurden. (Für das Thema Gentechnik gibt es inzwischen immerhin Charlotte Kerners „Die nächste GENeration„.) Allein das hat mich schon sehr neugierig auf Saci Lloyds „Euer schönes Leben kotzt mich an“ (Übersetzung aus dem Englischen: Barbara Abedi) gemacht.

Der Roman ist als Tagebuch angelegt: Laura erzählt, was im Jahr 2015 alles in ihrem Leben und in London passiert. Klar ist damit auch, dass das Buch ein offenes Ende hat. Was sich dann infolge der Klimaveränderungen alles zuträgt, ist ziemlich schlimm: Heftige Stürme mit Überschwemmungen, aber auch Dürreperioden erschüttern Großbritannien, und in Südeuropa kommt es zu heftigen Waldbränden – das alles fordert viele Menschenleben. Vielleicht merkt man hier ein wenig, dass Saci Llloyd früher Drehbücher verfasst hat, denn dramaturgisch reizt sie alles aus, was geht. Es sind richtige Horrorszenarien, die sich zutragen.

Interessant ist, wie das Ende des bequemen Lebens die Menschen verändert. Einerseits helfen sich die Nachbarn in den großen Notzeiten gegenseitig, durch die Rationierung von Energie und Wasser passiert jedoch auch das Gegenteil: Es blüht der Schwarzhandel, die Menschen beäugen und bespitzeln sich gegenseitig. Lauras Eltern, aber auch ihre Schwester Kim sind ganz von der Rolle, so dass Laura sich als einzig Normale ansieht.

Was psychologisch interessant hätte sein können, ist jedoch die Schwachstelle des Buches – denn Saci Lloyd übertreibt eindeutig, wenn z. B. Lauras Vater vom Lehrer zum Alkoholiker und schließlich zum Gärtner und Tierhalter wird. Das hat eher burleske (also parodistische) Züge, als dass man all das ernst nehmen kann. Und damit rutscht „Euer schönes Leben kotzt mich an“ leider streckenweise zu sehr in Slapstick ab. Die Folge ist, dass man das Schreckensszenario, statt schockiert über eine solche Zukunftsvision zu sein, wunderbar von sich fernhalten und das Buch nicht groß beunruhigt aus der Hand legen kann.

Fazit:

3 von 5 Punkten. Schade, Saci Lloyd hat ein wichtiges Thema aufgegriffen, hat versucht, einen Zukunftsroman zu schreiben, der jugendliche Leser wachrütteln soll (das nehme ich zumindest an) – aber herausgekommen ist leider ein Buch, das in Bezug auf die psychologische Ebene zu sehr übertreibt und damit beim Lesen nicht wirklich betroffen macht. Hinzu kommt, dass es dem Buch (vor allem in der ersten Hälfte) nicht so richtig gelingt, den Leser zu fesseln, was meiner Meinung nach an der Tagebuchform liegt, bei der die teilweise recht kurzen Einträge das Eintauchen in das Buch schwer machen.

Nichtsdestotrotz stellt „Euer schönes Leben kotzt mich an“ einen wichtigen Diskussionsbeitrag dar, und dem Buch ist zugute zu halten, dass es ein wichtiges Thema aufgreift: die möglichen Auswirkungen, die der Klimawandel haben könnte, wenn die Menschen nicht bald gegensteuern. Und Laura ist eine sympathische kleine Heldin, der man gerne durchs Jahr 2015 folgt.

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(Ulf Cronenberg, 08.05.2009)

Kommentare (0)

  1. Kathi

    ich finde, dass Sie mit Ihrer Buchbeschreibung im Unrecht liegen.
    Sie sagen, die parodistischen Züge seien die Schwachstelle des Buches?
    Ich finde, sie machen es lesenswert. Natürlich ist der Abstieg des Vaters eine Übertreibung, aber das muss nicht zwangsläufig heißen, dass man dieses Thema eher von sich fernhalten kann.
    Durch die authentische Hauptperson Laura kann man sich sehr gut in ihre Lage hineinversetzen, sie erzählt wie ihr zuvor normales Leben völlig aus den Fugen gerät.
    Laura versucht Schule, Hobbys, die erste Liebe und die Klimakatastrophe irgendwie zu meistern, und da helfen ihr schwarzer Humor und Slapstick.
    Sie sind warscheinlich erwachsen …
    Sie können sich nicht vorstellen, wie man sich als Jugendlicher fühlt, Saci Lloyd scheint es allerdings zu können.
    Ich habe dieses Buch trotz seines etwas „billigen“ deutschen Titels sehr gerne gelesen. Es ist mir so nahe gegangen, wie kein Text zum Klimaschutz zuvor.
    Ich möchte auch Llyoods britischen Humor, denn wenn ich mir einen wirklich unlustigen Beitrag zum Thema Klimakatastrophe anschauen will, gehe ich in einen Pseudo-Weltuntergangsfilm von Steven Soderbergh.

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    1. Ulf Cronenberg

      Hallo Kathi,
      ich finde es gut, wenn du anderer Ansicht bist und das hier schreibst. Klar, ich bin ein Erwachsener und sehe die Bücher wahrscheinlich öfter mit anderen Augen als Jugendliche …
      Viele Grüße, Ulf

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  2. Annie

    „Euer schönes Leben kotzt mich an“ ist eins meiner Lieblingsbücher. Allerdings auch erst, seit ich es zum zweiten Mal gelesen habe – beim ersten Mal fand ich vieles unverständlich und merkwürdig.
    Die wirklich etwas abgefahrene Entwicklung des Vaters können wir vielleicht nicht nachvollziehen, aber bei einem solchen Unglück, wie es beschrieben wird, ist es sicher nicht selten, dass die Menschen merkwürdig werden. Und eigentlich steckt hinter dem, was der Vater tut, eine Botschaft: Erst weiß er nicht, was er tun soll, wie er die Probleme lösen soll (Alkoholismus), dann hat er eine Idee, wie er sich und seiner Familie helfen kann – das geht jedoch schief, weil er dabei unbedacht vorgeht. Auch wenn Laura das vielleicht nicht bewusst wahrnimmt und ihren Vater als komplett durchgeknallt eingestuft, muss das ja nicht heißen, dass der Leser das Gleiche tun muss!
    Ich finde es auch auffallend, dass Sie nichts darüber schreiben, was die Mutter tut – abgesehen davon, dass sie die Familie verlässt. Welcher Gruppe sie sich anschließt, finde ich nämlich auch ziemlich merkwürdig (ich will jetzt nicht zu viel verraten).
    Annie

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  3. Anna

    Meiner Meinung nach fällt die Beurteilung des Buches nicht gerecht aus. Als ich „Euer schönes Leben kotzt mich an“ gelesen habe, war mein erster Eindruck: „wow“, und kurz darauf „Oh, mein Gott“. Das Buch fesselte mich wahrlich, obwohl es eigentlich nicht die Kategorie Buch ist, die ich normalerweise bevorzuge, da ich eher eine Fantasy-Leserin als eine Problembuch-Liebhaberin bin. Vielleicht beschreibt Saci Lloyd die Situation zu übertrieben, doch denke ich, dass genau das zum Handeln anregt, denn ob man will oder nicht, Umwelt ist ein höchst aktuelles Thema, das von vielen Menschen (so wie auch anfangs von Lauras Familie) noch immer teilweise ignoriert wird.
    Weiters sieht man in diesem Buch sehr schön wie schnell es dann wirklich gehen kann: angefangen von Schnee, Hitze und schlussendlich die Überflutung Londons. Bereits jetzt passieren solche Umweltkatastrophen. Doch ist nicht Europa damit konfrontiert, sondern um vieles ärmere Länder. In „Eurer schönes Leben kotzt mich an“ sieht man, dass selbst reiche Länder es nicht schaffen, die Naturkatastrophe zu stoppen. Man sieht, wie abhängig wir vom Materiellen sind, und wie selbstverständlich für uns Strom und fließendes Wasser sind.
    Noch ein Kommentar zum Schluss: Meiner Meinung nach, macht VOR ALLEM die Tagebuchform dieses Buch so spannend, da man sowohl die Schnelligkeit der Katastrophen als auch den Ablauf sehr schön verfolgen kann. Auch die Gedanken der Hauptperson fließen sehr gut in die Handlung mit ein.
    Natürlich muss man sagen, dass jeder Mensch ein Buch anders versteht und anders interpretiert, ich wollte nur, dass auf dieser Seite verschiedene Meinungen vertreten sind … 😉
    MfG Anna

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  4. Vikii

    Mein absoluter Favorit! Dieses Buch ist mein LIEBLINGSBUCH! Super gelungen, großes Lob an Saci Lloyd. Perfekt für Jugendliche in meinem Alter (ich bin 13). Spannend geschrieben. Die Tagebuchform macht es zu etwas ganz Besonderem! Das Buch kann ich nur weiterempfehlen!
    Mit vielen Grüßen, Vikii

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  5. Sarah

    Ich finde das Buch auch klasse! Es ist auf jeden Fall eines der besten kritischen Jugendbüchern, die ich je gelesen habe. Auch ich kann der eher negativen Bewertung nicht zustimmen. Saci Lloyd greift ein wichtiges Thema auf, macht es spannend und überträgt es auf die Geschichte eines jugendlichen Mädchens, mit dem sich die meisten Jugendlichen (Mädchen) identifizieren können.
    Ein weiterer guter Aspekt ist, dass in diesem Buch auch die Musik eine Rolle spielt. Wenn man selbst Rock oder auch Punk hört, kann man sich sehr gut in die Situation hineindenken. Allerdings wird dieses Buch dadurch für Leute, die einen anderen Musikgeschmack haben, viel uninteressanter.
    Alles in allem ein Buch, dass wachrüttelt. Man will, wenn man es liest, nicht auf dem Arsch sitzen bleiben, sondern etwas tun!
    Sarah

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  6. Domi

    Ich finde das Buch super! Wir haben es in der Schule gelesen, und ich kann nur sagen, es hat mir sehr gut gefallen. Natürlich hat jeder seinen eigenen Geschmack. Trotzdem kann ich es jedem nur empfehlen. Außerdem ist es sehr gut geeignet für Jugendliche: wegen der Schreibweise und der Sprache. Ich finde es wirklich cool und könnte es immer und immer wieder lesen.

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