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Buchbesprechung: Neil Gaiman “Das Graveyard-Buch”

Cover GaimanLesealter 12+(Arena-Verlag 2009, 310 Seiten)

Wenn man bei Amazon die bisherigen Kundenrezensionen zu Neil Gaimans „Das Graveyard-Buch“ durchschaut, so liest man allenthalben von Begeisterung. Eine bezaubernde Fantasy-Geschichte sei das, eine Hommage an Kiplings „Dschungelbuch“, manche Leser fühlen sich an „Harry Potter“ erinnert, usw. Das einzig Negative, das genannt wird, sind die fehlenden Zeichnungen der englischen Originalausgabe, die der Arena-Verlag anscheinend nicht übernommen hat … Bei so viel Lob war ich natürlich auf das Buch gespannt.

Inhalt:

Die Familie des kleinen Dorian wird eines Nachts von einem Killer heimgesucht, der zuerst die Eltern des Jungen und dann das ältere der beiden Kinder tötet. Als der Mörder namens Jack den jüngsten Sohn sucht, ist dieser jedoch verschwunden und unauffindbar. Zwar verfolgt er den kleinen Jungen noch eine Weile, verliert dann jedoch dessen Spur. Dorian ist auf den nahegelegenen Friedhof geflüchtet – dass er gut klettern kann, ist ihm dabei zu Hilfe gekommen.

Auf dem Friedhof leben die Geister der dort begrabenen Toten, sie nehmen den kleinen Jungen auf und versprechen, sich um ihn zu kümmern. Da sind Mr und Mrs Owens, ein Ehepaar, das selbst keine Kinder hatten und sich als Stiefeltern anbietet, während die Vormundschaft Silas übernimmt, ein geheimnisvoller, zwischen den Lebenden und Toten wandelnder Mann.

Dorian, dessen Namen niemand kennt, wird auf den Namen Nobody (kurz: Bod) getauft, über die Jahre hinweg wächst er auf dem Friedhof langsam heran und wird zu einem Jugendlichen. Er geht in Unterricht bei verschiedenen Geistern, die ihm u. a. Lesen und Schreiben, aber auch magische Dinge wie Unsichtbarmachen beibringen.

Doch Jack versucht weiterhin, die Spur des Jungen zu finden, weswegen Bod den Friedhof, wo er sicher ist, nicht verlassen soll. Bod verspürt jedoch, je älter er wird, den Wunsch, auch unter normale Menschen zu kommen – auch deswegen, weil er meint, nur von ihnen lernen zu können, wie er sich gegen Jack wehren kann …

Bewertung:

Komisch, ein so hoch gelobtes Buch, von dem so viele Leser berichten, dass sie es verschlungen haben – aber ich bin mit dem Buch ziemlich lange nicht so richtig warm geworden. Und ich habe mich natürlich gefragt, woran das liegt.

Vielleicht sollte ich erst mal das beschreiben, was mir an dem Buch gefallen hat. Da ist zum einen ein gewisser Witz, der an vielen Stellen, jedoch eher zart durchschimmert. Es wird mit der Sprache gespielt, wenn immer wieder die geistreiche Sprüche, die auf den Grabsteinen stehen, zitiert werden. Oder es werden Anspielungen – z. B. auf den Film „Vom Winde verweht“ – gemacht, wenn Bods Freundin den gleichen Vornamen wie die Hauptperson in dem Film trägt: Scarlett. Allerdings sind das Anspielungen, die wohl eher Erwachsene als junge Leser verstehen dürften … Zum anderen wird die unheimliche Stimmung auf dem Friedhof gut ins Szene gesetzt.

Aber sonst? Irgendwie kommt das Buch lange nicht so richtig von der Stelle und die Geschichte ist etwas träge. Erst auf den letzten 100 Seiten wird es spannender und es entwirren sich die etwas zu lange ausgelegten wirren Fäden. Ab Seite 220 war es dann so, dass ich das Buch auch mit einer gewissen Begeisterung zur Hand genommen habe und wissen wollte, wie die Geschichte nun ausgeht. Doch über 200 Seiten, in denen der zarte englische Humor von Neil Gaiman sowie die Stimmung im Vordergrund stehen, sich aber auf der Handlungsebene zu wenig tut – das ist mir einfach zu wenig für ein richtig gutes Buch.

Fazit:

3-einhalb von 5 Punkten. Ich konnte die Begeisterung für dieses Buch, die von vielen geäußert wurde (nicht nur bei Amazon), nicht so richtig teilen. „Das Graveyard-Buch“ (Übersetzung: Reinhard Tiffert) hat seine Stärken, aber auch seine Schwächen – und Letztere liegen für meinen Geschmack ganz klar bei den zu langatmigen ersten zwei Dritteln des Buches, in denen die Geschichte zu wenig Tempo hat.

Ich bin mir sicher, dass dieses Buch trotzdem begeisterte Leser finden wird – wer z. B. die Septimus-Heap-Bücher mochte, dem wird auch „Das Graveyard-Buch“ gefallen. Aber „mein“ Buch war es einfach trotzdem nicht. Die Verweise auf „Das Dschungelbuch“ (weil Bod wie Mowgli elternlos unter toten Geistern statt wie der Dschungeljunge unter Wölfen aufwächst) oder „Harry Potter“ (dessen Bände eindeutig spannender sind) halte ich entsprechend auch für etwas übertrieben …

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(Ulf Cronenberg, 20.04.2009)

Kommentare (0)

  1. Kermit

    Komisch, ich (40 Jahre alt) habe mir, nachdem ich schon längere Zeit kein Jugendbuch mehr gelesen hatte, gerade bei diesem Buch gedacht: „Wow, mit welchem Drive kommt der Autor schon auf der allerersten Seite in die Geschichte“. Langatmig fand ich sie wirklich nicht. Und die Idee, dass die Toten gar nicht sooo tot sind, finde ich auch ganz spannend. Also 4 Punkte hätte ich schon vergeben 😉

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  2. Tabea

    Ich (12) habe das Buch letztes Jahr gelesen und fand es ÜBERHAUPT NICHT langweilig. Und die Anspielungen sind nun auch nicht sooo kompliziert.

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  3. Flora

    Ich (damals 13) gehöre zu den Leuten, die das Buch verschlungen haben.
    An das Dschungelbuch habe ich dabei keine Sekunde gedacht, es gibt bestimmt einige Bücher, bei denen die Eltern tot sind und so …
    Mein Fazit: ein tolles Buch für Leser, die nicht nach der ersten langweiligen Seite aufhören zu lesen!

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