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Buchbesprechung: Beate Teresa Hanika “Rotkäppchen muss weinen”

Cover HanikaLesealter 14+(Fischer Schatzinsel 2009, 223 Seiten)

Auch wenn „Rotkäppchen muss weinen“ erst 2009 erschienen ist, im Jahr 2007 hat das Werk schon den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis bekommen. Wie das geht? Beate Teresa Hanika hat das Buch (allerdings noch unter dem Titel „Malvina in der Seifenblase“) als Manuskript eingereicht. Trotzdem seltsam, dass es dann noch so lange gedauert hat, bis das Buch, übrigens Beate Teresa Hanikas Erstlingswerk, schließlich erschienen ist.

Inhalt:

13 Jahre ist Malvina alt. Ihre Oma ist vor einiger Zeit an Krebs gestorben, und deswegen soll sie immer zu ihrem Opa gehen, der sich einsam und manchmal krank fühlt. Dass Malvina ihren Opa nicht besuchen will, interessiert in ihrer Familie niemanden. Malvinas Mutter, die ständig Migräne hat und kaum ansprechbar ist, ihr Vater, ein nicht gerade beliebter Biologielehrer, aber auch ihre beiden größeren Geschwister Anna und Paul sind sich einig, Malvina solle sich nicht so anstellen, und sagen immer nur, dass sie mit dem einsamen Großvater doch Mitleid haben solle.

Dass das Mädchen jedoch nicht zu seinem Opa will, hat seinen Grund: Denn dieser zieht Malvina ständig an sich, küsst sie, berührt sie an ihrem Rücken und an ihrer Brust. Manchmal gelingt es Malvina, sich dem zu entziehen, meist aber nicht. Und hatte früher wenigstens in manchen Momenten ihre Oma das Schlimmste verhindert, so kann diese Malvina ja nun nicht mehr helfen.

Auch ihrer besten Freundin Lizzy, mit der sie sich immer in einer alten, verwahrlosten Villa trifft, kann sie sich nicht anvertrauen – ebenso Klatsche, einem Jungen, der sich für sie interessiert und der sie Rotkäppchen nennt, weil sie immer mit einem Korb voller Esssachen zu ihrem Opa fährt. Eine polnische Nachbarin ihres Opas scheint noch am ehesten zu ahnen, dass da etwas nicht stimmt …

Bewertung:

Was für ein Buch! Was positiv und lobend gemeint ist, betrifft zugleich jedoch auch die Tatsache, dass mitleidenden Lesern einiges zugemutet wird. Denn wenn geschildert wird, wie Malvinas Opa das Mädchen an sich heranzieht, Malvina auf dem Mund küsst, seine Zunge in ihren Mund steckt, sie am Rücken unter dem Pullover streichelt, dann konnte ich nicht einfach nur weiterlesen, ohne schockiert zu sein. Dabei wird der sexuelle Missbrauch gar nicht detailliert und haarklein geschildert (und das ist auch gut so) – aber wenn man liest, wie sich Malvina fühlt, wie sie versucht, sich aus der Situation rauszuziehen und ihre Gefühle von dem Erleben abzukoppeln, wie sie damit kämpft, anderen davon zu erzählen, aber dann doch immer wieder nicht den Mut findet, dann hatte das zumindest auf mich eine nicht minder erschreckende Wirkung.

Das Thema sexueller Missbrauch ist eines der Themen, die in den letzten Jahren in Jugendbüchern kaum vorgekommen sind – und man kann ahnen und verstehen, warum dem so ist. Das ist wirklich ein heikles Thema, bei dem man sich schwer tut, die richtige Mischung aus Einfühlsamkeit und Deutlichkeit zu finden. Doch genau diese Mischung ist Beate Teresa Hanika in „Rotkäppchen muss weinen“ sehr gut gelungen. Es wird nichts beschönigt, und zugleich wird der Leser aber auch nicht alleine stehen gelassen. Das Buch lässt den Leser am Ende nicht mutlos und nur geschockt zurück. Es gibt zwar kein richtiges Happy-End, aber ein Ausweg wird doch aufgezeigt – und das ist wichtig, denn sonst wäre „Rotkäppchen muss weinen“ kein Buch für Jugendliche.

Das Thema sexueller Missbrauch wird dabei von der Autorin fachkundig und gar nicht oberflächlich behandelt wird. Sehr genau und nachvollziehbar wird das Wegschauenwollen von Malvinas Familie beschrieben. Anzeichen für die Übergriffe des Großvater hätte es genug gegeben, so dass Malvinas Eltern und Geschwister etwas ahnen hätten können – aber niemand (und solche Dinge entsprechen der Realität) hat es wahrhaben wollen.

Hinter der Figur des Großvaters steckt zudem ein ausgefeiltes, aber erschreckendes Psychogramm: Ein Mensch, der im Krieg Schlimmes erlebt hat, nur noch ein Auge hat, Ausländer verachtet, schöngeistige Literatur hochhält, Goethe und Schiller liest, seine Frau tyrannisiert hat, sich selbst für etwas Besseres hält, dabei aber – wie die polnische Nachbarin sagt – das Böse in sich trägt. Wie der Großvater Malvina subtil und dennoch brachial unter Druck setzt, damit diese nichts von seinen Übergriffen erzählt, gehört ebenso zu diesem stimmigen Bild des Großvater.

Auch von literarischer Seite her ist Beate Teresa Hanikas Buch zu bewundern. Die Sprache ist knapp und dicht gehalten, man findet kein Wort zu viel darin. Sehr geschickt wird außerdem mit den Bezügen auf das Rotkäppchen-Märchen gespielt.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Rotkäppchen muss weinen“ ist ganz klar das bisher beste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe. Es ist kein leichtes Thema, das Beate Teresa Hanika aufgegriffen hat – aber umso bewundernswerter ist, dass sie dabei alle Klippen mit Bravour umschifft hat. An dem Buch stimmt einfach alles. Es ist einfühlsam, es macht die Not und das Leiden eines Mädchens, das von seinem Großvater missbraucht wird, nachvollziehbar, es gibt dem Leser dennoch auch ein bisschen Mut und ist äußerst kunstvoll und dicht geschrieben.

Herausgekommen ist alles in allem das beste literarische Buch, das ich zu dem Thema sexueller Missbrauch kenne. „Rotkäppchen muss weinen“ sollten nicht nur Jugendliche (meiner Meinung nach ab 14 Jahren, auch wenn der Fischer-Verlag ab 12 Jahren dafür wirbt), sondern auch Erwachsene lesen.

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(Ulf Cronenberg, 24.03.2009)

Ein Interview mit Beate Teresa Hanika zum Thema „Schreiben“, das Jugendbuchtipps.de im Januar 2010 geführt hat, findet ihr hier.

Lektüretipp für Lehrer!

Ein heikles Thema wird da für Lehrer und Klassen thematisiert – und es gehört wohl einiger Mut dazu, „Rotkäppchen muss weinen“ mit einer Klasse zu lesen. Mir scheint es selbst gewagt, wenn ich das Buch hier als Lektüretipp anführe. Vor der 9. Jahrgangsstufe (vielleicht sogar noch deutlich später in einem Oberstufenkurs – hierfür bietet das Buch auch literarisch genug) würde ich das Buch auch nicht verwenden – in jüngeren Jahren empfiehlt es sich auf jeden Fall, das vorher mit den Eltern abzusprechen.

Und dennoch: Das Thema ist einfach zu wichtig, um es schulisch links liegen zu lassen. Man sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass man damit bei Schülern etwas auslösen kann. Man stelle sich vor, eine Schülerin hat Ähnliches wie Malvina erlebt – oder ein Schüler / eine Schülerin hat eine Freundin, die bereits sexuellen Übergriffen ausgesetzt war. Mit solchen Situationen sollte man umgehen können, wenn man dieses Buch liest, man sollte wissen, an wen man sich wenden kann, um Schülern helfen zu können.

Kommentare (0)

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  4. Larissa

    Ich finde, das Buch ist echt der Hammer!
    Ich kann es echt nur jedem empfehlen, allerdings erst ab einem gewissen Alter!

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  5. Helen

    Ich finde das Buch megagut. Ich habe es in einem Tag durchgelesen, weil es so toll ist.

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  6. Luisa

    Das Buch ist echt super gelungen! Es ist spannend und trotzdem einfühlsam erzählt. Einfach genial … Ich kann es nur empfehlen.

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  7. Baur Jessica

    Ich liebe dieses Buch, ich habe es jetzt schon zum 4. Mal gelesen. Bitte schreiben Sie noch einen zweiten Teil!

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  10. Maja

    Weckt richtig das Interesse! Ich muss mir das Buch holen! Bin dann schon gespannt, wie die Situationen beschrieben sind …

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  11. Diana

    Anfangs fand ich das Buch nicht so spannend, aber es hat wirklich ein sehr schönes Ende!

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  12. Julia

    Dieses Buch ist der Wahnsinn. Ich habe noch nie so ein gutes Buch gelesen. Wirklich für jeden zu empfehlen, egal ob einen das Thema betrifft oder nicht. Aber wie bereits erwähnt wurde: Es ist erst etwas ab 14 Jahren. Ich bin angehende Erzieherin und arbeite im Jugendbereich, deswegen kann ich sagen, dass Jugendliche dieses Buch sehr anspricht, wenn man es gut genug „verkauft“ … 🙂

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