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Buchbesprechung: Jonas Bendiksen “So leben wir. Menschen am Rande der Megacitys”

Cover BendiksenLesealter 15+(Knesebeck-Verlag 2008, 196 Seiten)

„So leben wir. Menschen am Rande der Megacitys“ ist kein typisches Jugendbuch, sondern ein Sachbuch, das wohl erst einmal als Zielgruppe Erwachsene hat. Und trotzdem ist es eben ein Buch, das sich auch Jugendliche anschauen können und sollten. Denn hier ist auch oft von Kindern und Jugendlichen die Sprache – und davon, wie sie in den Slums von großen Städten aufwachsen und leben.

Mehrere Monate hat der Fotograf Jonas Bendiksen, der für die wohl bekannteste Fotoagentur Magnum arbeitet, in den Slums von vier großen Städten gelebt: Nairobi (Kenia), Mumbai (Indien), Jakarta (Indonesien) und Caracas (Venezuela). Er ist dort bei Familien untergekommen, hat sie in ihrem Leben begleitet und sich viel erzählen lassen. Entstanden sind in dieser Zeit viele Fotos, die der Fotograf in den Wohnungen und Behausungen der Familien gemacht hat.

Das Buch ist in vier Teile untergliedert, die auf den vier Städten beruhen. Zu jeder Stadt ist vorab ein kurzer Informationstext zu finden, dann wird immer auf jeweils einer Doppelseite kurz etwas über das Leben verschiedener Familien berichtet. Diese Doppelseite lässt sich aufklappen, und zu sehen bekommt man dann ein auf vier Seiten abgebildetes Panoramabild der Wohnung, auf dem auch die Menschen, die dort leben, abgebildet sind.

megacitys1.jpgUm es gleich vorwegzunehmen: „So leben wir“ ist ein ganz besonderes Buch, allerdings nicht unbedingt eines, das einen beruhigt einschlafen lässt, sondern eher eines, das den Leser ein wenig aufwühlt. Schockierende Berichte sind da zu lesen: Von einer Afrikanerin, die AIDS hat, was jedoch niemand wissen darf. Von einem jungen Erwachsenen in Caracas, der recht lakonisch meint, er hätte bestimmt schon 15 Menschen getötet – anders können man in Venezuelas größter Stadt nicht überleben. Von einer Familie in Jakarta, die in einem Raum wohnt, der wohl nicht höher als ein Meter ist und den sie mit Werbeaufklebern von Firmen tapeziert hat. Oder von einem jungen Familienvater in Mumbai, der seine Kinder, die mit ihrer Mutter auf dem Land leben, sehr vermisst, aber in Indiens Stadt von früh bis spät nachts arbeiten muss, um genug Geld für die Familie zu verdienen.

Dazu findet man dann jeweils die passenden Bilder: alle eher etwas dunkel gehalten – aber es sind ja auch fotografierte Innenräume. Die Fotos haben kräftige Farben und sind – trotz der beklemmenden Atmosphäre in einigen der Behausungen – künstlerisch gut gemacht. Ja, vielleicht sind sie manchmal fast ein wenig zu schön für das schwierige Thema … Die Personen wirken seltsamerweise oft etwas fremd in Ihrem Zuhause. Das kommt wohl daher, dass sie sehr bewusst für die Bilder posiert haben. Es sind nicht wenige Bilder, bei denen man als westlicher Leser ganz schön erschrickt – z. B. wenn man nur drei Töpfe und ein paar sonstige Utensilien, aber sonst so gut wie nichts in einer kargen Lehmhütte in Nairobi sieht. Oder wenn der oben schon erwähnte junge Mann in seiner Wohnung auf dem Bett sitzt und eine Pistole in der Hand hält.

megacitys2.jpgWas mich besonders erstaunt hat: In drei der vier Städten scheinen die Menschen trotz der schwierigen Lebensumstände relativ hoffnungsfroh zu sein. Seltsam mutet es an, wenn da einige sogar dankbar für das Wenige, was sie in ihrem Leben haben, zu sein scheinen. Doch eine der Städte fällt da im Großen und Ganzen aus dem Rahmen: Caracas. Hier ist auf einmal viel von Gewalt und Mord, von Drogen und Kriminalität die Rede. Eigentlich hinterlässt die Stadt in Venezuela, wo es den Menschen, was den Wohlstand in dem Elendsviertel betrifft, noch am besten geht, den schlimmsten Eindruck. Hier scheinen Menschen seltsamerweise am wenigsten glücklich werden zu können.

Eine Kleinigkeit gibt es jedoch, die mich an dem Buch stört: das Vorwort von Philip Gourevitch. Er versucht darin, das Besondere an den Texten und den Bildern des Buches zu erklären. Und das ist wirklich eine Zumutung. „So leben wir“ – auch das auf den ersten Blick unverständliche „wir“ in dem Titel – hätte auch ohne diese einleitenden Worte gewirkt, ja vielleicht sogar noch besser. Dass man in einem Vor- oder Nachwort etwas darüber schreibt, wie das Buch entstanden ist, ist hilfreich und in Ordnung. Aber die lobend-erklärenden Versuche von Philip Gourevitch, das Geheimnis hinter diesem Buch zu ergründen, hätte man diesem guten Buch ersparen können.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „So leben wir“ ist ein wirklich lesenswertes Buch – gerade auch für Jugendliche –, denn es erweitert den Horizont des Lesers. Man merkt den Bildern wie den Texten an, dass Jonas Bendiksen bei den Menschen gelebt und versucht hat, sich in sie einzufühlen – und entstanden ist so ein Buch, das das schwierige Leben in den Slums von ausländischen Großstädten, so gut das mit einem Buch geht, einzufangen vermag.

Die Verbindung aus Text und Bild ist geglückt. Da ist kein Wort zu viel zu finden, die Texte sind angenehm spartanisch, aber auch klar und deutlich – sie verraten weder zu viel noch zu wenig über das Leben der abgebildeten Personen. Und die Fotos von Jonas Bendiksen unterstreichen all das kongenial.

Man merkt hoffentlich, wie begeistert ich von diesem Buch bin. Nicht wegen dessen Ästhetik, die auch etwas Besonderes ist, sondern eher weil „So leben wir“ uns westlichen Menschen einen Spiegel vorzuhalten vermag, den wir dringend nötig haben.

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(Ulf Cronenberg, 22.12.2008)

Die beiden Fotos sind mit Genehmigung des Knesebeck-Verlags (Presseabteilung: Frau Jule Menig) angefügt worden. Vielen Dank dafür! Übrigens: Mit einem Mausklick auf die abgebildeten Fotos kann man diese vergrößern.

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