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Buchbesprechung: Martina Wildner “Six”

Cover WildnerLesealter 13+(Beltz & Gelberg-Verlag 2008, 268 Seiten)

„Six“ ist bereits das dritte Buch von Martina Wildner (nach „Murus“ und „Michelles Fehler„), das ich in den letzten eineinhalb Jahren gelesen habe. Die Bücher der Berliner Autorin ragen alle etwas aus der Masse der Jugendbücher heraus, weil sie ganz eigene Geschichten erzählen, die immer auf der Grenze zwischen Realität und Fantasie entlang hangeln – und so ist es auch bei „Six“. Diesmal kommt in Martina Wildners neuem Buch jedoch eine Sache deutlicher zu tragen als in den früheren Werken: dass die Autorin auch als Zeichnerin arbeitet.

Inhalt:

Die Zehntklässlerin Luzie lebt in einem Internat in Bayern – allerdings nicht als Internatsschülerin, sondern als Tochter des Hausmeisters. Sie besucht jedoch die Internatsschule und ist eigentlich eine gute Schülerin – doch seit einem Unfall, bei dem Luzie einen ihrer Finger verloren hat, ist das Mädchen etwas durch den Wind. Und es kommen weitere Ereignisse hinzu, die ihr zusetzen …

Ihre ältere Schwester Almut lebt seit einiger Zeit in Berlin und macht dort erfolgreich Musik. Doch weil ein lesbisches Mädchen ihr nachstellt, kehrt Almut vorübergehend zu ihren Eltern zurück. Luzie ist von ihrer großen Schwester ziemlich genervt und freut sich gar nicht über deren Rückkehr. Als Luzie eines Tages über eine Umzugskiste ihrer Schwester stolpert, zieht sie aus dieser ein Manga-Comic heraus und liest dieses in den nächsten Tagen. In dem Manga wird eine seltsame Geschichte von einem Mädchen, das von einem fremden Planeten auf die Erde geschickt wird, um einen Auftrag zu erfüllen, erzählt. Vorher musste dem Mädchen einer ihrer sechs Finger, wie sie auf dem Planeten normal sind, wegoperiert werden. Luzie ist verwirrt, da ihr ja auch ein Finger fehlt, und fragt sich, ob es Zufall ist, dass sie das Manga gefunden hat.

Für Luzie verschwimmen immer mehr die Realität und die Geschichte im Manga, zumal sie vor dem Haus auf der Wiese einen Handschuh für sechs Finger findet. Doch es passiert noch mehr: Am ersten Schultag macht sie mit einem japanisch aussehenden Mädchen namens Nelli, das neu in ihrer Klasse ist, Bekanntschaft. Nelli benimmt sich höchst seltsam, trägt ständig eine Sonnenbrille und macht verrückte Dinge, als wäre das Mädchen nicht von dieser Welt. Dann macht Luzie eine Entdeckung: Nelli scheint Almut, wenn auch unter anderem Namen, aus Berlin zu kennen. Sie ist das Mädchen, das Almut ständig gefolgt ist … Doch was hat das alles zu bedeuten? Luzie wird immer verwirrter …

Bewertung:

Auch „Six“ ist wie die anderen Jugendbücher von Martina Wildner ein Buch, das aus dem Gros der Neuerscheinungen heraussticht, weil es typische Jugendthemen auf besonders eigenwillige Art und Weise aufgreift. Luzie ist ein Mädchen in den besten Pubertätsjahren, das seltsame Dinge erlebt – im Buch nähern sich Realität und Fantasie auf recht eigenartige Weise immer mehr an, und als Leser fragt man sich am Ende, was von all dem denn nun eigentlich stimmt und ob Luzie nicht in einer Parallelwelt lebt und sich vieles nicht nur einbildet. Das alles wird zu einem Verwirrspiel mit der Realität, das etwas Besonderes ist.

Die Figur Luzies ist jedenfalls interessant. Das Mädchen beschäftigt sich damit, was um es herum passiert, ohne das alles genau erklären zu können. Kann es sein, dass das gefundene Manga ein Abbild ihres Lebens ist? Wer ist eigentlich Nelli? Was hat das Mädchen zu verbergen? Und warum ähnelt sie der Figur Nanas in dem Manga so sehr? Kommt sie am Ende auch von einem anderen Planeten? Auch als Leser weiß man keine Antwort auf solche Fragen und wird so in das Verwirrspiel im Buch hineingezogen. Am Ende des Buches ist man da nicht viel schlauer, denn geschickt spielt Martina Wildner bis zum Schluss mit der Wirklichkeit.

Dem Manga kommt in dem Buch eine wichtige Rolle zu – immer wieder werden in „Six“ Textstücke aus dem Comic in anderer Schrift eingestreut. Ab und zu findet man auch Bilder aus dem Manga. Doch was etwas schade ist: Warum hat Martina Wildner die Manga-Ausschnitte, wo sie doch Grafikerin ist, nicht ganz im Comic-Stil in das Buch eingebaut? Das Buch wäre damit deutlich eindrücklicher geworden. So sind die Textausschnitte aus dem Manga leider nur ein Kompromiss, der der Comic-Welt nicht ganz gerecht wird. Eine vertane Chance …

Fazit:

4 von 5 Punkten. „Six“ ist ein interessanter Pubertätsroman über ein Mädchen, das mit der Wendung, die sein Leben genommen hat, nicht immer zurechtkommt. Als Leser fragt man sich, ob sich Luzie als Schockreaktion über ihren verlorenen Finger und über die unglückliche Ehe ihrer Eltern die Geschehnisse nicht einbildet. Eine endgültige Antwort bleibt dem Leser aber versagt … – doch gerade das macht die Geschichte auch zu etwas Besonderem.

Was mich ein wenig gestört hat: Wie schon bei Martina Wildners anderen Jugendbüchern bleibt man als Leser auch bei „Six“ irgendwie etwas außen vor und kann nicht so richtig in die Geschichte eintauchen. Zumindest mir ging das so. So richtig gepackt hat mich dieses Buch nicht. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass das Mädchen im Alter von 13 bis 15 Jahren anders geht … Und dann wäre da noch zu erwähnen, dass die Manga-Inhalte leider meist nur in Textform wiedergegeben werden. Schade: Was wäre „Six“ für ein tolles Buch geworden, wenn es als Mischform aus Jugendbuch und Manga konzipiert worden wäre … Nichtsdestotrotz: Ein außergewöhnliches Buch ist Martina Wildner in jedem Fall gelungen.

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(Ulf Cronenberg, 01.12.2008)

Kommentare (0)

  1. Lena_Luna

    Ich fand den Roman sehr spannend und würde ihn gerne weiterempfehlen.
    Doch es macht mich ganz verrückt, dass es keine Auflösung gibt. Es gibt so viele Fragen, die unbeantwortet bleiben. Ich fühle mich quasi reingelegt, da man am Ende mehr Fragen hat als sonst wo in dem Buch.
    Allerdings gibt einem dieses Buch sehr viel Stoff zum Nachdenken, und es ist wirklich gut geschrieben.
    Ich hoffe auf einen 2. Teil!

    Antworten
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