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Anmerkungen zu Isabel Kreitz’ Graphic Novel “Die Sache mit Sorge”

Cover KreitzLesealter 14+(Carlsen-Verlag 2008, 244 Seiten plus Anhang)

Der Begriff „Graphic Novel“ taucht in den letzten Jahren immer häufiger auf. Gemeint sind dabei längere Comic-Bände, die eine gesamte Geschichte erzählen und einen gewissen künstlerischen Anspruch haben, während „Comics“ eher ein Oberbegriff ist, zu dem auch kürzere Hefte, die oft in Reihen erscheinen, gezählt werden. Eine Graphic Novel, die in diesem Jahr besonders beachtet wurde und die hier vorgestellt werden soll, ist Isabel Kreitz‘ „Die Sache mit Sorge. Stalins Spion in Tokyo“. Eine richtige Buchbesprechung soll das jedoch nicht sein – ich will mich eher auf ein paar Notizen zu dem Buch beschränken.

Als Kind habe ich viele Comics gelesen – um mich dann als Jugendlicher größtenteils von ihnen zu verabschieden und mich der epischen Literatur zuzuwenden. Das Einzige, was ich über die Jahre noch ab und zu angeschaut habe, waren die „Asterix & Obelix“-Bände, die aber in den letzten 15 Jahren deutlich an Qualität verloren hatten. Ansonsten hatte ich mit Comics wenig zu tun – aber bei Isabel Kreitz‘ hoch gelobter Graphic Novel über den Spion Dr. Sorge war ich dann doch neugierig.

Die Geschichte

In dem Buch wird die Spionagetätigkeit des Deutschen Richard Sorge, der eine russische Mutter hatte, für die Russen während des Zweiten Weltkriegs beschrieben. Der Journalist arbeitete in Tokyo eng mit dem dortigen deutschen Botschafter Eugen Ott zusammen – es gab zwar Anzeichen dafür, dass Richard Sorge Kommunist war und die Deutschen ausspionierte, aber Eugen Ott, der mit Sorge befreundet war, wollte das nicht wahrhaben. Das Buch wird zu einem großen Teil aus der Sicht von Eta Harich-Schneider erzählt, einer deutschen Musikerin, die, weil sie die Linken unterstützte und im Dritten Reich Probleme bekommen hatte, nach Japan ausgewandert war. Eta Harich-Schneider und Richard Sorge waren während der Zeit in Tokyo ein Paar …

Eine spannende Geschichte, die zudem lange Zeit nach dem 2. Weltkrieg totgeschwiegen wurde – auch von russischer Seite. Richard Sorge war 1942 von den Japanern als Spion verhaftet worden, und trotz Angeboten von Seiten der Japaner lehnten die Russen unter Stalin einen Austausch „ihres“ Spiones ab, worauf er 1944 von den Japanern hingerichtet wurde. Dass Stalin von Sorge nichts wissen wollte, hatte wohl seinen Grund: Sorge hatte die Russen über den bevorstehenden Angriff der Deutschen auf Russland informiert, Stalin hatte die Warnungen jedoch in den Wind geschlagen. Ein folgenschwerer Fehler. Erst eineinhalb Jahrzehnte später wurde Richard Sorge in der Sowjetunion und der DDR, nachdem Stalin nicht mehr lebte, rehabilitiert.

Aber genug von den geschichtlichen Hintergründen zu Isabel Kreitz‘ Buch. Erst einmal lobend hervorzuheben ist, dass das Buch mit einem Anhang abgeschlossen wird, in dem man einiges Zusätzliche über Richard Sorges Leben erfährt. Auch wie das Leben der anderen vorkommenden Figuren weiter verlief, wird in kurzen Absätzen zusammengefasst.

Seite Kreitz

Wie mir das Buch gefallen hat …

Die Zeichnungen Isabel Kreitz‘ zumindest sind über jeden Zweifel erhaben und haben einen hohen künstlerischen Anspruch – sie sind alle in Schwarzweiß gehalten. Etwas schwer habe ich mich anfangs jedoch beim Lesen von „Die Sache mit Sorge“ damit getan, die vielen auftauchenden Personen im Blick zu behalten und auf den Bildern zu identifizieren – das war auf den ersten 50 Seiten alles etwas verwirrend, auch weil die Orte und Begebenheiten oft von einer Seite zur nächsten ohne besondere Ankündigung wechseln. Befremdlich fand ich auch, dass es immer wieder Textpassagen gibt (z. B. auf der oben wiedergegebenen Buchseite), die auf Japanisch, und zwar ohne Übersetzung, verfasst sind. Oft ahnt man, was gesprochen wird – doch manchmal kann man sich auch keinen rechten Reim auf den Inhalt der Gespräche machen.

Gelungen fand ich, dass die Geschichte immer wieder durch ganzseitige Kommentare von einer der auftretenden Person unterbrochen wird. Hier berichtet dann z. B. Eta Harich-Schneider im Nachhinein, was sie sich damals für Gedanken gemacht und wie sie das später bewertet hat.

Seite Kreitz

Ja, warum ist dies eigentlich keine normale Buchbesprechung, an der ich am Ende ein Fazit mit Punktvergabe ziehe? Weil ich gemerkt habe, dass mir die Comic-Darstellung irgendwie fremd geblieben ist. Ich will Isabel Kreitz‘ Leistung bei „Die Sache mit Sorge“ im Bereich der Graphic Novel nicht schmälern – innerhalb des Genres ist das sicherlich ein tolles Buch. Aber da ich keinen richtigen Bezug zu dieser Art von Büchern habe, will ich das Buch auch nicht ernsthaft bewerten.

Meine Skepsis dem Genre „Graphic Novel“ gegenüber liegt hauptsächlich in der Sprache, die darin verwendet wird, begründet. Die kurzen Dialoge, die hier nur möglich sind, gefallen mir einfach nicht. Ich kann sie durchaus als besondere Kunstform anerkennen, aber mir bleibt das trotzdem fremd. Wenn da z. B. auf jeder fünften Seite eine Person auf die Bemerkung einer anderen mit „Ha ha ha“ reagiert, dann finde ich das nicht gerade einfallsreich. In Comics ist das aber wohl üblich …

Ein kleines Fazit

In aller Kürze zusammengefasst: Isabel Kreitz hat sich ein spannendes Thema für ihre Graphic Novel gesucht, hat es künstlerisch wertvoll aufbereitet, der Geschichte eine eigene Note gegeben – aber für mich ist das trotzdem nichts. Das soll jedoch nicht heißen, dass dieses Buch nicht viele begeisterte Leser finden wird. Für Comic-Freunde ist „Die Sache mit Sorge“ sicherlich einen längeren Blick wert.

(Ulf Cronenberg, 24.11.2008)

P.S.: Die beiden Buchseiten wurden mit freundlicher Genehmigung durch den Carlsen-Verlag (Frau Jerusalem-Groenewald) in diesem Text aufgenommen. Danke!

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