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Buchbesprechung: Romuald Giulivo “Sendepause”

Cover GiulivoLesealter 14+(Dressler-Verlag 2008, 128 Seiten)

Durch den Text des Buchumschlags wird man ein wenig auf eine falsche Fährte gesetzt: 9/11 – der Terrorangriff auf die beiden Türme des World Trade Centers in New York am 11. September 2001, der dort erwähnt wird – spielt nur eine Nebenrolle in dem Buch. Eigentlich geht es in Romuald Giulivos Buch „Sendepause“ um einen Jungen, der von seiner Mutter kaum Zeit und wenig Beachtung geschenkt bekommt.

„Sendepause“ ist das erste Buch des französischen Autors, das ins Deutsche übersetzt wurde (und zwar von Rosemarie Griebel-Kruip). In Frankreich wurden schon mehrere seiner Bücher veröffentlicht.

Inhalt:

Badr sitzt viel vor dem Fernseher und kann sich oft von den Bildern nicht losreißen – u. a. von den schrecklichen Bildern, die gerade vom Terroranschlag auf das World Trade Center über die Kiste flimmern. Eigentlich hatte ihm seine Mutter, die er sehr wenig sieht, weil sie den ganzen Tag arbeitet, versprochen, an dem Tag früher nach Hause zu kommen, weil Badr Geburtstag hat. Doch als bekannte Fernsehmoderatorin und Nachrichtensprecherin kann sie an diesem Abend wegen des Terroranschlags in New York nicht aus dem Sender gehen.

Für Badr ist das eine weitere große Enttäuschung, die sich an viele andere durch seine Mutter reiht. Er ist fast gänzlich auf sich alleine gestellt – seinen Vater kennt Badr nicht –, weil seine Mutter so viel arbeitet. Selbst in den wenigen Ferien, die die beiden miteinander verbringen, wird ihr die Nähe zu ihrem Sohn schnell zu viel, so dass sie Badr meist nach wenigen Tagen in ein Ferienlager verschickt.

Badr hat von seiner Mutter die Schnauze voll und plant abzuhauen. Vor einigen Monaten hatte er erst, bei der Durchsicht alter Filme seiner Mutter, etwas entdeckt: einen Film, auf dem er mit einem Mädchen, das einen Arm verloren hat, zu sehen ist. Die Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Mädchen ist so frappierend, dass er sich sicher ist: Bei dem Mädchen muss es sich um seine Schwester handelt. Doch wo ist sie? Warum kennt er sie nicht? Badr ist sich sicher – warum, weiß er nicht –, dass sie noch lebt, und so nimmt er sich vor, seine Schwester zu suchen …

Bewertung:

„Sendepause“ ist ein sehr kurzes, aber auch dichtes Buch, das von einem Jungen erzählt, der von seiner Mutter gänzlich allein gelassen wird. Die Geschichte wird aus Badrs Perspektive erzählt – in der Gegenwart geht es darum, dass er endlich abhauen möchte, und in Rückblenden berichtet der Junge von seinem unglücklichen Leben. Wie mit Puzzleteilen wird so Stück für Stück seine momentane Situation zu einem Ganzen zusammengefügt. Er möchte sich aus dem Staub machen, denn seine Mutter kennt er besser aus den Bildern des Fernsehers als in der Wirklichkeit – und darunter leidet Badr, auch wenn er seiner Mutter gegenüber unfähig ist, das zu formulieren. Seine Mutter selbst kreist viel zu sehr um ihr eigenes Leben sowie ihren Job, um von sich aus zu bemerken, was los ist.

Romuald Giulivos Roman handelt somit von einer Familientragödie. Als Leser wird man zunächst mit der vordergründigen Geschichte konfrontiert, dass Badrs Mutter nie für ihren Sohn da ist. Erst nach und nach erfährt man, dass hinter allem ein größeres Geheimnis steht, über das zwischen dem Jungen und seiner Mutter nicht gesprochen wird. Warum seine Mutter ihm nie etwas von seiner Schwester erzählt hat, erahnt und erfährt man erst am Ende des Buches.

Die Handlung spielt in dem Buch weniger die Hauptrolle als die Gefühle und Gedanken von Badr. Der Schreibstil ist dabei meiner Ansicht nach sehr gelungen. Genau wird ausgelotet, wie Badr sich fühlt, was ihm durch den Kopf geht und womit er schon seit längerem nicht zurechtkommt. Romuald Giulivo trifft hier einen Ton, der glaubwürdig und eindrücklich ist.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. „Sendepause“ ist ein gelungener Roman über das Leben eines Jugendlichen, der – auch wenn die äußerem Umstände nicht so schlimm scheinen – trotzdem an seinem Leben verzweifelt und mit seiner Lebenssituation nicht zurecht kommt. Dennoch: Ich habe das Buch mit dem Gedanken aus der Hand gelegt, dass Romuald Giulivo eine große Chance verpasst hat: nämlich über das persönliche Schicksal Badrs hinaus noch etwas mehr Kritik an der Oberflächlichkeit und Allgegenwart der Medien zu üben. Am Anfang dachte ich – die Inhaltszusammenfassung auf dem Buchrücken lenkt einen in diese Richtung –, dass auch das in dem Buch thematisiert wird. Doch leider steht der Titel „Sendepause“ eher als Symbol für die Kommunikationslosigkeit einer Familie als auch für Medienkritik. Schade …

Die letzten Sätze könnten den Eindruck erwecken, dass Romuald Giulivos Buch deutliche Schwächen hat. Doch dem ist nicht so. „Sendepause“ ist ein gut geschriebener Kurzroman über das Leben eines Jugendlichen, in dem einige Überraschungen auf den Leser warten, die ich nicht vorwegnehmen will. Aber es wäre eben noch ein bisschen mehr drin gewesen …

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(Ulf Cronenberg, 01.11.2008)

Kommentare (0)

  1. Adrian

    Ich fand dieses Buch cool, obwohl ich nicht gerne lese.

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  2. Leonie

    Wir haben das Buch in der Schule durchgenommen. Ich fand’s richtig gut!!!

    Antworten

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