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Buchbesprechung: Peter Münch "Der Duft des Lindenbaums"

Cover MünchLesealter 12+(Ravensburger-Verlag 2008, 187 Seiten)

Peter Münch, der Journalist bei der Süddeutschen Zeitung ist und lange Zeit auch Reporter auf dem Balkan war, hat mit „Der Duft des Lindenbaums. Ein Tagebuch aus Sarajevo“ ein Jugendbuch geschrieben, das die Belagerung von Sarajevo (der Link führt zum dazugehörigen Wikipedia-Artikel) im Bosnienkrieg von 1992 bis 1996 zum Thema hat. Etwa 11.000 Menschen, darunter 1.600 Kinder, wurden bei der Belagerung getötet – und in seinem Buch hat er das authentische Tagebuch eines Mädchens aus Sarajevo verwendet, um es in einen Jugendroman einzubauen. Ein eher untypisches Jugendbuch ist das daraus geworden, das eine wahre Geschichte als Vorlage hat…

Inhalt:

Nina ist Ende 1995 – nicht allzu lange vor dem Ende der Belagerung Sarajevos – durch einen Granate ums Leben gekommen. Der 22-jährige Student Elvis, dessen Eltern mit ihm während der Belagerung aus Sarajevo nach Deutschland geflüchtet sind, wird von seinem Jura-Professor gefragt, ob er ihn nach Sarajevo auf einen Kongress begleitet. Dort soll er dolmetschen und übersetzen. Und so kommt Elvis nach mehr als einem Jahrzehnt wieder in die bosnische Hauptstadt.

Als er das Haus, in dem er früher mit seinen Eltern gelebt hat, aufsucht, entdeckt er eine Gedenktafel an Nina, mit der er früher als Kind oft gespielt hat. Er beschließt, während der freien Konferenzzeiten nach Ninas Eltern zu suchen, um mehr über ihren Tod zu erfahren. Schon bald hat er Ninas Mutter ausfindig gemacht und trifft sich mit ihr. Und diese gibt ihm am Ende ihres Treffens ein Tagebuch, das Nina während der Belagerung geschrieben hat – und zwar fiktiv an Elvis, den sie „Vili“ genannt hat.

Durch das Tagebuch erfährt Elvis viel über das weitere Leben seiner früheren Freundin, die immer ein fröhliches Mädchen war; von dem Tod Ninas dagegen berichtet ihm nicht nur ihre Mutter, sondern bald trifft er weitere Freunde der Familie, die ihn herzlich aufnehmen und ihm noch einiges mehr über das Mädchen erzählen.

Bewertung:

Der Reiz von Peter Münchs Buch liegt darin, dass er für sein Jugendbuch ein Tagebuch verwendet, das es wirklich gibt. Der Journalist hat es von Ninas Mutter bekommen, als er in Sarajevo war, um eine Reportage über die Spuren des Bosnienkrieges zu schreiben. An den Tagebuchaufzeichnungen, die im Buch abgedruckt sind, wurde nichts verändert, sie sind lediglich ins Deutsche übertragen worden. Und in der Mitte des Buches findet man sowohl Bilder von Nina und ihrer Familie sowie Fotografien einiger Original-Tagebuchseiten.

Die Geschichte mit Elvis dagegen ist erfunden – das wird im Nachwort genau erläutert -, hat jedoch in einem jungen Mann, der während des Krieges nach Deutschland geflohen war und Peter Münch von seinen Erfahrungen erzählt hat, ebenfalls eine reale Grundlage. Sehr viel authentischer kann ein Jugendbuch über dieses Thema also sicher nicht sein.

Das Buch ist infolgedessen in zwei verschiedene Bereiche, die sich immer wieder abwechseln, untergliedert: Einerseits erzählt der fiktive Elvis von seiner Reise nach Sarajevo, andererseits werden die Tagebucheinträge Ninas immer wieder in das Buch eingestreut. Man traut sich angesichts der Authentizität ja fast nicht Kritik an dem Buch üben – aber dennoch fand ich das Lesen der Tagebucheinträge, je weiter ich in dem Buch gekommen war, etwas eintönig. Nina war ein lebensfrohes Mädchen, das in der schwierigen Zeit während der Belagerung Sarajevos tapfer durchgehalten hat – aber die Tagebucheinträge sind ab und zu schon sehr naiv und kindlich (wie oft findet Nina z.B. alles „super“…), sie wiederholen sich somit des Öfteren. Die Naivität zieht sich nicht durch alles, was Nina schreibt – es sind darunter durchaus auch tiefschürfendere Einträge zu finden.

Die Rahmenhandlung um das Tagebuch herum ist somit dringend notwendig, um das Buch aufzulockern und ihm mehr Tiefe zu geben – und hier hat Peter Münch gute Arbeit geleistet. Er schreibt anschaulich, sprachlich gewandt und gefühlvoll – dem Thema angemessen. Dieser Teil des Buches hilft dem Leser über die etwas eintönigen Einträge im Tagebuch hinweg – und am Ende entsteht doch so etwas wie ein rundes Gesamtbild von Nina und ihrem Leben in Sarajevo.

Fazit:

4 von 5 Punkten. „Der Duft des Lindenbaums“ ist ein engagiertes Buch, das einen Krieg, der fast schon wieder in Vergessenheit geraten ist (bzw. den die meisten Kinder und Jugendliche gar nicht mehr mitbekommen haben), in die Gegenwart zurückholt. Es geht dabei nicht um Kampfhandlungen, sondern sympathischerweise um das Einzelschicksal eines Mädchens, das durch eine Granate getötet wurde. Durch die Recherchen des Erzählers Elvis und durch die Tagebucheinträge Nina bekommt man von dem Mädchen ein recht genaues Bild. Ab und zu habe ich mich dabei jedoch gefragt, ob Peter Münch nicht ein bisschen zu nah an Nina und ihren eher naiv gehaltenen Tagebucheinträgen geblieben ist. Gerade die schwierigen Zeiten im Krieg (mehrere Tage im Keller ohne Nahrung) werden im Buch weniger dramatisch festgehalten, als sie sicherlich waren.

Die Stärke, eine authentische Geschichte zur Vorlage zu haben, ist somit zugleich die Schwäche des Buches, von dem ich mir insgesamt noch ein klein wenig mehr Tiefe gewünscht hätte. Doch ansonsten ist es Peter Münch gut gelungen, die Tagebucheinträge in eine interessante und glaubwürdige Rahmenhandlung zu betten.

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(Ulf Cronenberg, 10.08.2008)

Kommentare (0)

  1. Simgr Kumlu

    Ich habe gestern mit diesem Buch angefangen und war heute damit fertig! Ich musste wirklich weinen … 🙁 Ich fand es so traurig! Ein kleines, unschuldiges Mädchen musste wegen einem Scheißkrieg sterben! Tolles Buch, auf jeden Fall!

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  2. Thomas Petsos

    Sehr gutes Buch, das daran erinnert, dass solche Kriege nicht in Vergessenheit geraten sollten, da man immer wieder an die Opfer denken und ihren Familien alles erdenklich Gute wünschen sollte.

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  3. Felix Sesser

    Ich finde das Buch sehr gut. Es veranschaulicht, wie ein Kind den Krieg vor der eigenen Haustür wahrnimmt. Wie Nina trotz allem versucht Kind zu sein und ein alltägliches Leben zu führen. Das Buch hat mich bei meinem Besuch in Sarajevo dazu geführt, ihr Grab aufzusuchen und auch die Stelle, wo sie ums Leben gekommen ist. Das Buch steht für die über 1600 Kinder, die während der Belagerung von Sarajevo getötet wurden sind.

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  4. Nisa Oberröder

    Wunderschönes Buch, ich habe das Buch schon seit einem Jahr und lese es mir immer wieder durch. Es tut weh zu lesen, wie sie sterben musste und wie alle anderen leideten. Es ist mein Lieblingsbuch … ♥

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