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Buchbesprechung: Brian Selznick "Die Entdeckung des Hugo Cabret"

Cover SelznickLesealter 10+(cbj-Verlag 2008, 535 Seiten)

„Die Entdeckung des Hugo Cabret“ ist eines der Bücher, die einem – vor allem, wenn man es einmal aufgeblättert hat – im Gedächtnis bleiben. Das ist kein gewöhnliches Kinder- und Jugendbuch – eher eine Mischung aus Bilderbuch und Roman.
Die erzählte Geschichte selbst dürfte nur wenig mehr als 100 Seiten lang sein – der Rest des Buches besteht aus doppelseitigen Zeichnungen in Schwarzweiß. Manche dieser Zeichnungen illustrieren die Geschichte, aber einige davon erzählen die Geschichte auch weiter…

Inhalt:

Hugo Cabret hat keinen Vater mehr und ist nach dessen tragischem Tod bei seinem Onkel untergekommen. Doch dieser ist seit ein paar Monaten spurlos verschwunden – kein allzu großer Verlust für Hugo, denn der alte Mann hat sich nicht wirklich gut um ihn gekümmert und viel zu viel getrunken. Hugos Onkel war Wächter der Uhren am Pariser Bahnhof – und Hugo erledigt die Arbeit seines Onkels weiter, um nicht entdeckt und in eine Waisenhaus gesteckt zu werden: Täglich zieht er in den verborgenen Gängen des Bahnhofs die Uhren auf, ölt und pflegt sie, so dass noch niemand bemerkt hat, dass sein Onkel nicht mehr lebt.

Das Einzige, was Hugo von seinem Vater geblieben ist, ist dessen Notizbuch. Darin ist in Skizzen der Aufbau eines geheimnisvollen Automaten beschrieben, den Hugo nach dem Tod seines Vaters (er kam bei einem Brand im Dachboden des Museums, für das er arbeitete, ums Leben) auf einem Sperrmüllhaufen vor dem Museum entdeckt und mit nach Hause genommen hat. Der Automat ist eine menschlich aussehende Maschine mit tausenden von Rädchen, die ein Zeichenbrett und eine Tintenfeder vor sich hat. Doch durch den Brand, bei dem sein Vater umgekommen ist, ist auch der Automat stark beschädigt worden.

Um den Automaten zu reparieren, stiehlt Hugo immer wieder Spielzeugteilchen aus dem Spielwarenladen des Bahnhofs – doch der Besitzer entdeckt ihn dabei und nimmt Hugo dessen Notizbuch weg. Hugos geheimes Leben und das einzige Vermächtnis seines Vaters sind in Gefahr – auch durch Isabelle, die Tochter des Spielwarenhändlers. Sie will Hugo einerseits helfen, das Notizbuch wieder zu bekommen, andererseits will sie jedoch auch etwas über das Geheimnis dieses Buches wissen…

Bewertung:

Was Brian Selznick da auf die Beine gestellt hat, ist schon etwas ganz Besonderes: eine Geschichte, die nicht nur in Worten, sondern immer wieder auch mit stilvollen Bildern erzählt wird. Diese Zeichnungen – alle in Schwarzweiß -, die mit Bleistift und Kohle gezeichnet sind, gefallen mir jedenfalls sehr gut.

Interessant ist z.B., wie das Buch eingeleitet wird. Statt viel darüber zu erzählen, wo Hugo lebt, wird langsam, wie in einem Film, in mehreren Bildern von der Erdkugeln aus über die Vogelperspektive von Paris bis hin zum Pariser Bahnhof gezoomt – auch ohne Worte erfährt man so, wo die Geschichte spielt. Die Zeichnungen in „Die Entdeckung des Hugo Cabret“ sind – wie ich finde – über jeden Zweifel erhaben. Die wichtige Frage ist jedoch, ob die erzählte Geschichte hier mithalten kann.

Mich hat „Die Entdeckung des Hugo Cabret“ an zwei bekannte Geschichten aus der Romantik erinnert: „Die Automate“ (1814) und „Der Sandmann“ (1817) – beide von E.T.A. Hoffmann. Auch hier gibt es Automaten. Es ist nicht nur die Darstellung der menschlichen Automaten, die mich an die Phantastische Literatur der Romantik erinnert hat, sondern auch ein wenig der Ton, in dem Brian Selznick seine Geschichte erzählt. Sie wirkt alles in allem ein wenig jeglicher Zeit entrückt und damit etwas zeitlos – auch wenn klar ist, dass das Buch einige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg spielt. Wie Hugo durch die geheimen Gänge des Pariser Bahnhofs schleicht, die Uhren aufzieht und ölt, durch die Ziffernblätter auf die Menschen und auf die Stadt schaut, das ruft eine melancholische Stimmung hervor.

Vieles an dem Buch – und genau das wird durch die Zeichnungen verstärkt – ist geheimnisvoll und bezaubert damit auch den Leser auf eine ganz eigene Art und Weise. Mir hat diese insgesamt eher still und nachdenklich erzählte Geschichte jedenfalls mit zunehmender Lesedauer immer besser gefallen. Hugo und Isabelle sind zwei Kinder, denen man als Leser gerne folgt – Kinder, die nett sind und sich oft alleine, weil sie meist auf sich gestellt sind, durch das nicht immer gerade einfache Leben schlagen müssen…

Fazit:

5 von 5 Punkten. Brian Selznick hat da etwas ganz Besonderes geschaffen – ein Buch, bei dem sich die Illustrationen und die feinfühlig erzählte Geschichte zu etwas Einmaligem verbinden. Die vielen Zeichnungen lassen einen die Geschichte noch einmal wesentlich intensiver erleben, als das die Worte allein vermocht hätten. Natürlich fällt dadurch ein wenig weg, was man sonst beim Lesen macht: Dass man sich alles selbst ausmalt und vorstellt.

Doch belohnt wird man als Leser mit einer eindrücklichen Geschichte, die unterm Strich wie eine Melange (also eine Mischung) aus Film und Buch wirkt. Wer das Buch zu Ende gelesen hat, ahnt, dass das Absicht ist. Denn „Die Entdeckung des Hugo Cabret“ ist auch eine kleine Hommage an die Anfänge des Kinofilms.

Wem soll man dieses Buch empfehlen? Es kann sicher von allen Kindern ab 10 Jahren gelesen werden, die nicht nur Spannung und Nervenkitzel suchen, sondern sich gerne in Geschichten begeben. Doch ansonsten eignet sich „Die Entdeckung des Hugo Cabret“ meiner Meinung nach auch besonders als Vorlesebuch (und da vielleicht schon ab 8 Jahren): Ein Buch, das man an verregneten Tagen gemeinsam – gemütlich auf einem Sofa sitzend – liest und anschaut.

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(Ulf Cronenberg, 21.07.2008)

Übrigens: Dass es Automaten gibt, die etwas schreiben und zeichnen können, hat Brian Selznick nicht erfunden. Wer solche mechanischen Wunderwerke einmal in Aktion sehen und ein bisschen mehr darüber wissen will, der sollte sich diese englische Internetseite angucken: http://www.fi.edu/pieces/knox/automaton/.

Weitere Informationen über „Die Entdeckung des Hugo Cabret“ und über den Autor findet man außerdem auf der englischsprachigen Homepage zu dem Buch.

Kommentare (0)

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  2. Christoph Enzinger

    Ich habe heute „Wunderlicht“ ausgelesen. Wieder einmal konnte ich das ganze Buch über mit dem Titel des Buchs nichts anfangen. Welches wunderbare Licht ist wohl gemeint? Der engl. Originaltitel des Buchs ist „wonderstruck“, was auf Deutsch „höchst erstaunt“ bedeutet.
    Natürlich spielt der Titel mit dem zentralen Motiv des Buchs, der Wunderkammer (engl. cabinet of wonder). Ich liebe Wunderkammern. Das Stiftsmuseum in Admont ist eine, in der Barfüßerkirche in Basel (wo ich Ende August war), gibt es eine und zahlreiche Ausstellungsschränke. Insofern kam dieses Buch genau zur rechten Zeit.
    Es ist ein berührendes Buch, zwei Geschichten, die seltsam parallel laufen, sich schließlich berühren und verweben. Wie bei Hugo Cabret erfährt manch Neues, das zum Recherchieren im WWW anregt.
    Aber das Buch geht über das Beschreiben weit hinaus. Es eröffnet auf eine ganz eigene Weise die Welt der Gehörlosen (über Zeichnungen, die ja wie Stummfilme „funktionieren“). Und regt zum Nachdenken an: „Wie würde das sein, die Objekte und Geschichten auszuwählen, die in deinen eigenen Ausstellungsschrank, deine eigene Wunderkammer sollten?“
    Ein sehr schönes, preiswürdiges Buch.

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