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Buchbesprechung: Iva Procházková “Die Nackten”

Cover ProcházkováLesealter 14+(Sauerländer-Verlag 2008, 264 Seiten)

Die tschechische Jugendbuchautorin Iva Procházková hat mit ihrer Familie viele Jahre in Deutschland gelebt, ist inzwischen aber wieder nach Tschechien zurückgekehrt. Über ihr vorletztes Buch „Wir treffen uns, wenn alle weg sind„, das mir wegen seines ganz eigenen Tones gut gefallen hat, habe ich erfahren, dass die Autorin es selbst auf Deutsch verfasst hat. Da in Iva Procházkovás neuem Jugendbuch „Die Nackten“ nichts von einer Übersetzung steht, nehme ich an, dass auch dieses Buch auf Deutsch geschrieben wurde.

Ansonsten: Ein seltsamer Titel für ein Buch – man kann sich nicht so richtig etwas darunter vorstellen. Aber dazu weiter unten mehr…

Inhalt:

Mehrere Jugendliche zwischen 15 und 18 während eines heißen Sommers an verschiedenen Orten in Deutschland und Tschechien – darum geht es in „Die Nackten“. Da ist z.B. Sylva. Ein Mädchen, das sich als Hochbegabte in der Schule entsetzlich langweilt und sich nicht unterordnen will. Ihr Vater schreibt ihr zwar Entschuldigungen für die vielen Tage, an denen sie nicht zur Schule geht, doch das Gymnasium schmeißt das Mädchen schließlich trotzdem raus. Und so macht sich Sylva, die es liebt, bei jedem Wetter in Flüssen zu schwimmen, mit ihren Eltern auf die Suche nach einer neuen Schule…

Niklas dagegen, in Kindesjahren ein guter Freund von Sylva, hat ganz andere Probleme. Seit einiger Zeit ist er den Drogen verfallen und merkt immer mehr, wie ihm alles entgleitet. Noch schlimmer geht es jedoch seiner Freundin Evita, die er sehr liebt. Denn Evita lebt auf der Straße, hat das mit den Drogen gar nicht mehr im Griff und ist schon seit einiger Zeit auf harte Drogen umgestiegen. Niklas weiß jedoch bisher nichts davon, beginnt aber zu ahnen, dass Evita ihm etwas vormacht.

Und dann sind da noch Robin und Filip. Robin ist von der Schule geflogen, weil er angeblich auf einer Klassenfahrt ein Mädchen vergewaltigt hat – doch die Sache ist etwas komplizierter. Robin lernt Sylva kennen, als das Mädchen in den Ferien in Berlin bei seiner Mutter ist – sie freunden sich vorsichtig an, doch Robin traut sich nicht so richtig, sich Sylva gegenüber zu öffnen. Und Filip, der früher in Tschechien der Nachbar von Sylva war, geht es nicht anders: Als verkopfter Typ, der ein Sachbuch nach dem anderen liest, hat er sich vor einiger Zeit nicht getraut, Sylva zu gestehen, dass er in sie verliebt ist. Und jetzt haben sich die beiden etwas entfremdet. Doch dann lernt er ein anderes Mädchen kennen…

Bewertung:

So ganz einfach ist es nicht, „Die Nackten“ zusammenzufassen – denn episodenhaft wird jeweils von all diesen Jugendlichen erzählt. In jedem Kapitel ändert sich die Hauptperson, um später wiederzukehren. Das war am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, doch als ich die Personenkonstellation (wer wen woher kennt) einmal verstanden hatte, machte mir das Lesen von „Die Nackten“ wirklich Freude.

Ja, der Titel – woher kommt er eigentlich? Die „Nackten“ ist ein Synonym für Jugendliche in der Pubertät. Auf Seite 32 findet man hierzu die Schlüsselszene, in der Sylvas Vater zu seiner Tochter sagt: „Die Pubertät ist ein eigenartiger Zustand. Nicht wiederholbar. In der Pubertät ist der Mensch nackt, also berührt ihn alles direkt. Die Berührung ist erregend und schmerzhaft zugleich. […] Erst wenn du älter wirst, beginnst du dich anzuziehen.“ Das beschreibt sehr schön, worum es Iva Procházková in dem Buch geht: Die Verwundbarkeit und Zerbrechlichkeit, das Gefährdetsein von einigen ganz unterschiedlichen Jugendlichen aufzuzeigen. Und das ist der Autorin meiner Meinung nach ziemlich gut gelungen.

Je weiter ich mit dem Buch gekommen bin, desto begeisterter war ich davon, denn die Schicksale der sechs Hauptfiguren gehen unter die Haut. Jeder hat so seine Probleme und Schwierigkeiten und geht auf seine eigene Weise damit um. Das ist nicht gerade immer leicht verdaulich – vor allem, wenn es um Niklas und Evita mit ihrer Drogensucht geht. Aber man will wissen, wie es weitergeht – und das hält einem am Lesen.

Iva Procházková bietet in dem Buch keine Lösungen an – am Ende sind die meisten der Figuren nicht wesentlich schlauer als zuvor, sind nach wie vor „nackt“ und wissen noch immer nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Aber als Leser legt man dieses Buch bereichert aus der Hand, weil man Spuren seines eigenen Lebens darin gespiegelt sieht.

Was mir noch aufgefallen ist: Iva Procházková hat einen ganz eigenen Sprachstil, den ich nicht so recht in Worte fassen kann. Man könnte sich ihm annähern, wenn man sagt, dass er nicht so richtig rund ist. Möglicherweise liegt das daran, dass Deutsch eben nicht die Muttersprache der Autorin ist. Aber dieser Sprachstil gefällt mir alles in allem dennoch – denn er hat etwas sehr Individuelles und passt ganz nebenbei auch besonders zum Thema dieses Buches.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Keine Frage – dieses Buch verdient 5 Punkte. Iva Procházková hat mit ihrem neuen Buch wieder einen ganz eigenen Jugendroman geschrieben, der einfühlsam das Leben mehrerer Jugendlicher während einiger Sommerwochen beschreibt. Ich hätte am Ende gerne noch 200 Seiten weitergelesen, um mehr über Sylva, Filip, Niklas, Robin und die anderen zu erfahren – aber so ist das eben mit guten Büchern: Man vermisst die Figuren, wenn man das Buch aus der Hand gelegt hat.

Iva Procházková hat mit „Die Nackten“ einmal mehr gezeigt, dass sie besondere Bücher, die nicht im Mainstream mitschwimmen, schreibt.

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(Ulf Cronenberg, 08.07.2008)

Kommentare (0)

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  2. lara

    Ich stimme mit allem überein, was hier steht. Es ist ein einzigartiges, bewegendes Buch.
    Aber ich habe eine Frage, und vielleicht kann sie mir ja hier jemand beantworten: Hat sich Evita den goldenen Schuss gesetzt? Hat Niklas sie irgendwann gefunden?
    Ich würde mich über eine Antwort freuen! Danke!

    Antworten
    1. Ulf Cronenberg

      Hm, Lara, es ist zu lange her, dass ich das Buch gelesen habe, um deine Frage beantworten zu können. Ich weiß es leider nicht mehr, bin mir nicht sicher. Vielleicht weiß es jemand anderes?
      Viele Grüße, Ulf

      Antworten
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  5. Sepp

    Dieses Buch besitzt keinen roten Faden, und die ständigen Szenenwechsel nehmen jede Spannung heraus. Es lohnt sich nicht wirklich, dieses Buch zu lesen. Vor allem kommen viele Szenen vor, die gar nicht zum Buch passen.

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