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Kurzrezension: Edward van de Vendel "Die Tage der Bluegrass-Liebe"

Cover van de VendelLesealter 13+(Carlsen-Verlag 2008, 192 Seiten)

„Die Tage der Bluegrass-Liebe“ von Edward van de Vendel ist kein ganz neues Buch mehr – das habe ich erst, nachdem ich das Buch gelesen hatte, aus dem Klappentext erfahren. Der Carlsen-Verlag hatte den Jugendroman des niederländischen Autors bereits 2001 unter dem Titel „Spring, wenn du dich traust“ herausgebracht. Warum es jetzt zu einer Neuauflage kam? Keine Ahnung…

Edward van de Vendels Buch ist eine typische Coming-out-Geschichte, in der ein Junge namens Tycho entdeckt, dass er in einen anderen Jungen (Oliver) verliebt sind. Die beiden lernen sich auf einem Feriencamp in den USA kennen, wo sie Betreuer für die Kinder und Jugendlichen sind. Und nachdem sie dort wegen ihrer beginnenden Beziehung anecken und mit der Leitung des Jugendcamps Probleme bekommen, verlassen Oliver und Tycho das Jugendcamp vorzeitig, um gemeinsam nach Norwegen zu fliegen. Dort lebt Oliver mit seiner Mutter, die jedoch gerade im Urlaub ist…

Edward van de Vendel hat die Geschichte recht einfühlsam geschrieben und ist sprachlich auf der Höhe. Doch die Faszination, die ich auf den ersten Seiten gespürt habe, ist im Laufe des Buches ein wenig verloren gegangen – als wäre das erste Drittel des Buches mit mehr Elan geschrieben worden als der Rest.

Auch wenn das Buch in den Niederlanden die Goldene Feder für das beste Jugendbuch des Jahres 2000 bekommen hat: Ich war insgesamt nicht so recht angetan von dem Buch – und dieser Eindruck hat sich mit zunehmender Lesedauer verstärkt. Das liegt unter anderem daran, dass es doch schon einige Coming-out-Romane gibt – und so richtig etwas Neues hatte „Die Tage der Bluegrass-Liebe“ nicht zu erzählen. Man erfährt, dass es nicht leicht ist, eine homosexuelle Beziehung zu führen, dass es auch innerhalb einer solchen Beziehung früher oder später Schwierigkeiten gibt. Ja, aber hatte man das nicht schon vorher gewusst?

Was mich außerdem ein wenig gestört hat: So eindrücklich Edward van de Vendel einerseits erzählt, so blass bleiben unterm Strich viele der Figuren. Werden Tycho und Oliver noch recht genau beschrieben, so kommen die anderen Figuren einfach etwas zu kurz. Sie erschienen beim Lesen nicht so richtig plastisch vor meinem geistigen Auge. Die Geschichte ist mir damit einfach zu eindimensional, sie konzentriert sich zu sehr auf Tycho und Oliver und vergisst dabei, den Rest der Umgebung zu „bevölkern“.

Fazit:

2-einhalb von 5 Punkten. Eine richtige Leseempfehlung, die vom Herzen kommt, kann ich für dieses Buch nicht aussprechen. „Die Tage der Bluegrass-Liebe“ ist stilistisch ein gutes Buch – mir gefällt der Schreibstil, vor allem zu Beginn -, doch auf den anderen Ebenen hat der Jugendroman doch einige Schwächen. Mir ist die Geschichte ein bisschen zu vorhersehbar angelegt und bei der Figurenzeichnung fehlt es mir deutlich an Tiefe.

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(Ulf Cronenberg, 23.06.2008)

P.S.: Etwas verwundert war ich, als ich auf der Suche nach dem niederländischen Jugendbuchpreis „Die goldene Feder“ erfahren habe, dass der Preis auf Niederländisch „Gouden Zoen“ heißt. Ich würde das ja (und ich kann niederländisch) mit „goldener Kuss“ übersetzen… Im Klappentext der deutschen Ausgabe bei Carlsen heißt der Preis jedoch anders… Egal. Jedenfalls hat Edward van de Vendel für „Die Tage der Bluegrass-Liebe“ im Jahr 2000 diesen Preis verliehen bekommen – und für zwei seiner weiteren Bücher auch in anderen Jahren.

Weitere Meinungen:

Eine typische Coming-out-Geschichte, die für mich – im Gegensatz zu Ulf – doch ein besonderes Buch gewesen ist: Die Sprache schlicht und eindringlich, stellenweise äußerst poetisch, bildhaft und kraftvoll. Probleme, Unsicherheit, die Wechselbäder der Gefühle werden nicht geschönt oder verschwiegen, sondern zum Thema gemacht und das Ganze ohne verkitschtes Happy-End.
Das Buch, das bereits 2001 beim selben Verlag als Hardcover unter dem Titel „Spring, wenn du dich traust“ erschienen ist und nun von der Aufmachung her deutlicher in die m/m-(Jugend-)Literatur eingepasst wurde, behandelt unter anderem eines der letzten großen gesellschaftlichen Tabus, wenn es ums Schwulsein geht: den Bereich des Fußballs, der Domäne der Männlichkeit par excellence, wo Homosexualität noch immer nicht akzeptiert, sondern verleugnet und verfemt wird – was bei den Spielern, insbesondere Profis, Angstzustände auslösen und bis zur Selbstverleugnung und Existenzbedrohung führen kann. Auch Oliver, der davon träumt, eine Profi-Fußballerlaufbahn einzuschlagen, hat mit diesen Vorurteilen zu kämpfen und sie zerstören schließlich auch die junge Liebe.
Ein, wie ich finde, schöner Coming-out-Roman, wenn auch vielleicht nicht der allerbeste oder der mit dem größten Ratgeber-Charakter – und auch für Leserinnen eine schöne, bittersüße Liebesgeschichte … Warum denn nicht?

(Iris Henninger)

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