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Buchbesprechung: Jean-Claude van Rijckeghem & Pat van Beirs "Die Erbin von Flandern"

Cover RijckeghemLesealter 11+(Gerstenberg-Verlag 2008, 265 Seiten)

Ich bin kein großer Freund von historischen Jugendromanen, aber ab und zu lese ich doch einmal einen. Der Grund für meine Vorbehalte liegt darin, dass ich bei den meisten historischen Stoffen den Eindruck habe, dass das Denken und Fühlen der Menschen von heute auf geschichtliche Personen übertragen wird – und damit werden Bücher mit historischen Stoffen der geschichtlichen Wirklichkeit nicht gerecht.

„Die Erbin von Flandern“ von Jean-Claude van Rijckeghem und Pat van Beirs habe ich mir u.a. angeschaut, weil das Buch schon einige Preise gewonnen hat. Das holländische oder flämische Autorenduo (es war leider nicht in Erfahrung zu bringen, wo die beiden Autoren leben – das Buch ist jedenfalls im Original auf Niederländisch abgefasst) hat für seinen historischen Roman einen mittelalterlichen Stoff aus dem 14. Jahrhundert gewählt. Die Hauptfigur, Marguerite von Male, hat also wirklich gelebt.

Inhalt:

Marguerite wird als erstes Kind des Grafen von Flandern geboren – und dieser ist reichlich enttäuscht, keinen Sohn und damit Erbfolger gezeugt zu haben. Und so möchte er weitere Kinder bekommen, doch seine Frau gebiert ihm, bevor sie dem Wahnsinn verfällt, nur einen Sohn, der nach kurzer Zeit im Kinderbett stirbt. Alle Chancen auf einen männlichen Erbfolger sind somit hinfällig.

Marguerite ist ein ungewöhnliches Mädchen, das sich in jungen Jahren oft den Jungen anschließt, um mit ihnen allerlei auszuhecken. Dabei entdeckt sie, dass sie es durchaus auch mit Jungen aufnehmen kann. Als sie älter wird, nimmt sie sogar heimlich Unterricht im Schwertkampf – erst bei einem Knappen ihres Vaters, dann in Brügge bei dem besten Schwertkampflehrer Flanderns. Doch ihr Vater findet, dass sich Marguerites Verhalten für eine junge Dame nicht geziemt, und als er davon Wind bekommt, verbietet er Marguerite schließlich, weiter am Unterricht teilzunehmen. Er hat mit Marguerite, wenn er schon keinen Sohn hat, nur eines vor: sie gewinnbringend zu verheiraten. Und so wird Marguerite entgegen ihrem Willen Edmund von England versprochen.

Als sie Edmund schließlich kennen lernt, ist sie geschockt: Denn dieser ist nicht nur hässlich, sondern hat auch einen fürchtenswerten Charakter. Sie will Edmund auf keinen Fall heiraten und wehrt sich mit allen Mitteln. Doch die Hochzeit rückt immer näher – und so ersinnt sie einen letzten möglichen Ausweg, von dem aber nicht klar ist, ob er ihr helfen wird… Schwere Zeiten warten auf Marguerite.

Bewertung:

Mal meine oben geäußerten grundsätzlichen Bedenken über historische Jugendromane zur Seite gelegt, muss ich sagen, dass mich „Die Erbin von Flandern“ spätestens nach 50 Seiten ziemlich gefesselt hat. Die Geschichte über Marguerite von Male, die für die damalige Zeit sicher ein sehr ungewöhnliches Mädchen war, ist einfach gut in Szene gesetzt. Sehr behutsam wird Marguerite mit all ihren Widersprüchen als Hauptperson aufgebaut: Man lernt ihre Zweifel, ihr Verzweifeln an den äußeren Umständen, ihre Sehnsüchte, aber auch ihre Lebenslust sehr genau kennen.

Die beiden Autoren schreiben (und die deutsche Übersetzung von Mirjam Pressler trägt da sicher das ihre bei) eher unauffällig und ohne große Effekte, so dass genug Raum für die Geschichte bleibt. In diesem Fall ist das genau richtig, denn der historische Stoff und nicht der Schreibstil sollen ja bei einem solchen Buch im Vordergrund stehen.

Inwiefern das, was im Buch passiert, etwas mit der historischen Wirklichkeit zu tun hat, kann ich nicht beurteilen. Sicher hat die wirkliche Marguerite ganz anders gedacht und gefühlt, und die Autoren haben somit ihren eigenen Schwerpunkt in das Buch gesteckt (da sind wieder meine Bedenken historischen Romanen gegenüber). „Die Erbin von Flandern“ schildert jedoch in jedem Fall eine faszinierende Frau, die sich nicht an die Konventionen der damaligen Zeit halten will und dagegen ankämpft. Und damit ist sie – so wie sie im Buch geschildert wird – ein ehrenswertes Vorbild für Leserinnen und Leser, die ebenso wie Marguerite gegen Widerstände ihr eigenes Leben führen lernen wollen.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Wer historische Stoffe in Jugendbüchern liebt, wird an diesem Buch großen Gefallen finden. „Die Erbin von Flandern“ ist flüssig und rund geschrieben, schildert das Leben eines ungewöhnlichen Mädchens, das sich gegen vieles stemmt, und hat alles zu einem großen Buch seines Genres: Die Figuren sind meisterhaft charakterisiert, und die Geschichte packt den Leser und lässt ihn mit Marguerite mitfiebern.

Meine Vorbehalten historischen Romanen gegenüber sind nicht weggewischt – aber es ist doch immerhin ein großes Kompliment, wenn ich gestehen muss, dass ich das Buch irgendwann nicht mehr aus der Hand legen wollte, bis es ausgelesen war.

blau.giflila.gifrot.gifgelb.gifgruen.gif

(Ulf Cronenberg, 18.06.2008)

Weitere Meinungen:

Eigentlich bin auch ich kein allzu großer Fan von historischen Büchern. Doch dieses Buch hat mich absolut überzeugt! Es ist hervorragend geschrieben und von Mirjam Pressler kongenial übersetzt. Es wird aus der Perspektive Marguerites erzählt. Vom ersten Satz an zieht das Buch den Leser in seinen Bann. Dabei atmet der Geist der Epoche aus jedem Satz, ja, manchmal gar aus jedem Wort. Wir erleben hautnah das Denken und Handeln der Menschen zur Zeit des 14. Jahrhunderts, sehr konventionalisiert und stets angesiedelt zwischen Glauben und Aberglauben. Umso kontrastreicher wird hier diese ungewöhnliche, faszinierende Frauenfigur gesetzt, die an den äußeren Zwängen zweifelt, gegen sie kämpft und für ihre Träume, Sehnsüchte und Lebenslust einsteht. Ob dies absolut authentisch ist, wage ich zu bezweifeln, doch macht es das Thema und das Besondere dieses Buches aus. Marguerites Leben ist spannend, ergreifend, hat einen hohen Identifikationsfaktor und ist in gewissem Sinne auch in die Gegenwart übertragbar.

(Iris Henninger)

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