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Buchbesprechung: Wlodzimierz Odojewski "Ein Sommer in Venedig"

Cover OdojewskiLesealter 16+(SchirmerGraf-Verlag 2007, 125 Seiten)

Jugendbücher aus Polen sind in Deutschland eher eine Seltenheit – wobei Wlodzimierz Odojewski lange Jahre zunächst in Paris und dann in München gelebt hat, inzwischen aber auch wieder teilweise in Warschau wohnt. Erschienen ist das Buch jedoch im Original auf Polnisch.
„Ein Sommer in Venedig“ steht auf der Nominierungsliste des diesjährigen Deutschen Jugendliteraturpreises – hierüber bin ich überhaupt auf dieses Buch aufmerksam geworden. Denn den Autor kann ich bisher überhaupt nicht. Und soweit ich weiß, hat er ansonsten auch keine Jugendbücher geschrieben…

Inhalt:

Es ist das Jahr 1939 – kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Dem 9-jährigen Marek wurde von seiner Mutter versprochen, dass sie mit ihm im Sommer nach Venedig reisen will – und darauf freut sich der Junge schon sehr.
Doch dann macht die Mutter kurz vorher einen Rückzieher, den sie vor dem Jungen nicht weiter begründet – aber es ist klar, dass es mit der Gefahr vor dem heraufziehenden Krieg zu tun hat. Und so reist sie schließlich – als Ersatz – mit Marek nach P. auf das Landgut seiner Tante Weronika.
Marek ist ziemlich enttäuscht und, weil er seine Tante nicht allzu sehr mag, von der Reise nicht sonderlich angetan. Doch schließlich freundet er sich doch noch damit an, den Sommer in P. zu verbringen, und erlebt mit seiner Familie und einigen Kindern aus der Umgebung viele schöne Dinge. Die ruhigen Tage auf dem Land sind jedoch von dem ausbrechenden Zweiten Weltkrieg bedroht.
Schließlich reist seine Mutter wieder ab und lässt Marek bei seiner Tante zurück. Immerhin kommt kurz darauf Tante Barbara, die Marek besonders mag, aufs Land – ebenso wie seine Cousine Karola, in die Marek ein bisschen verliebt ist.
Als eines Tages im Keller des Landhauses aus dem Boden langsam Wasser quillt und nach und nach den Keller überflutet, hat Mareks Tante Barbara eine Idee. Sie sagt Marek und Karola, dass sie nun doch noch nach Venedig reisen würden – jedoch nicht in Wirklichkeit. Stattdessen bauen sie im überfluteten Keller eine Art Venedig nach und verbringen dort auf gebauten Inseln mit Lampions eine tolle Zeit… – und das alles, während langsam der Krieg auch nach P. kommt und dort seine Spuren hinterlässt.

Bewertung:

Ich habe mich, nachdem ich das Buch ausgelesen hatte, lange gefragt, für welche Zielgruppe es eigentlich geschrieben ist. Auf der Nominierungsliste des Jugendliteraturpreises steht als Altersangabe „ab 16 Jahren“, doch mir kam „Ein Sommer in Venedig“ manchmal eher wie ein Kinderbuch vor, das für Kinder zugleich jedoch etwas zu anspruchsvoll geschrieben ist.
Die Geschichte um Marek ist äußerst poetisch abgefasst. Wlodzimierz Odojewski schildert sehr einfühlsam, wie Marek die Tage um den Beginn des Zweiten Weltkrieges erlebt und was der Junge fühlt. Marek ist dabei recht naiv (was aber angesichts seiner 9 Jahre nicht verwunderlich ist), die Erwachsenen weihen ihn nicht so richtig in das ein, was gerade in der Welt Schlimmes passiert – der Junge fängt die unheilvolle Stimmung von daher eher intuitiv ein.
Doch im Laufe des Buches bekommt Marek einiges mit: Flüchtlingsströme, die auf der Landstraße in der Nähe des Hauses vorbeiziehen, Bombenangriffe und die ersten Toten. Sehr schön wird ausgedrückt, dass Marek, als er einen Soldaten sterben sieht, ein Gefühl hat, das er hinterher so deutet, als wäre damit seine Kindheit vorbei gewesen.
Diese Stimmung eines Kindes in diesen schwierigen Zeiten ist wirklich gut eingefangen und auch die Idee, im überfluteten Keller ein kleines Venedig zu errichten, ist eine sehr poetische Idee. Und dennoch: So richtig gefesselt hat mich das Buch nicht. Das liegt einfach daran, dass das die äußere Handlung des Jugendromans eher eine Nebenrolle spielt – zentral sind die Stimmungen und Gefühle, die Marek und die anderen Personen erleben.

Fazit:

4 von 5 Punkten. Meine Sicht auf dieses Buch ist recht subjektiv – das sei vorweg gesagt. Betrachtet man Wlodzimierz Odojewskis Buch von rein literarischen Gesichtspunkten aus, so lässt sich nur Lobendes über „Ein Sommer in Venedig“ sagen. Das Buch ist anspruchsvoll geschrieben, fängt die Gefühle Mareks meisterhaft ein und zeichnet sehr einfühlsame Stimmungsbild eines Jungen in Polen, der den Kriegsanfang mit all seinen Wirren erlebt.
Doch zugleich ist das nicht die Art von Jugendbüchern, die ich so richtig schätze – von der ich mir auch nicht sicher bin, ob sie unter Jugendlichen viele begeisterte Leser finden wird. Es passiert zu viel auf der inneren, aber zu wenig auf der äußeren Ebene der Handlung. Alles in allem habe ich nach Lektüre des Buches den Eindruck, dass Wlodzimierz Odojewski mit „Ein Sommer in Venedig“ eher ein Buch für Erwachsene als für Jugendliche geschrieben hat.
So habe ich das Buch etwas zwiespältig aus der Hand gelegt: einerseits etwas unzufrieden, weil die äußere Handlung in dem Buch etwas zu kurz kommt, andererseits jedoch auch zufrieden, weil die Stimmung in dem Buch sehr gut auf den Leser überspringt. (ab 16 Jahren)

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(Ulf Cronenberg, 01.05.2008)

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