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Buchbesprechung: Sarah Weeks "Jamies Glück"

Cover WeeksLesealter 11+(Hanser-Verlag 2007, 158 Seiten)

„Jamies Glück“ ist mein zweites Buch von Sarah Weeks – und „So B. it„, das auch für den diesjährigen Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war, hat mir vor zwei Jahren so richtig gut gefallen. Was für ein tolles Buch das war (und natürlich noch ist)!

An einer solchen Steilvorlage nahtlos anzuschließen, ist sicherlich kein leichtes Unterfangen. Ich war jedenfalls sehr gespannt, ob es der Autorin aus New York, die übrigens auch als Sängerin und Songwriterin arbeitet, gelingt, noch einmal ein so gutes Buch zu schreiben…

Inhalt:

Vor einiger Zeit ist Jamie mit seiner Mutter nach Traverse City in ein Wohnwagenviertel gezogen – vorausgegangen war, dass Jamies Vater mit einer anderen Frau durchgebrannt ist und außerdem die Schwester seiner Mutter seit einem Arbeitsunfall nicht mehr alleine zurecht kommt. Und so wohnen Jamie und seine Mutter nun bei seiner Tante Sapphy, auf deren Kopf während der Arbeit ein Rohr von der Decke gefallen ist. Seitdem kann sie sich nichts Neues mehr merken, nur ihre Erinnerungen an frühere Zeiten sind ihr geblieben.

Jamie steht seit dem Umzug nicht gerade auf der Glücksseite des Lebens. Er vermisst seinen Vater, außerdem wird er von seinen Klasskameraden (allen voran von Larry) in der Schule und im Bus ständig gehänselt. Und auch seine Lehrerin hält gar nichts von ihm und macht ihn vor den Mitschülern oft lächerlich.

Eines Tages spricht ihn Audrey, ein Nachbarsmädchen, das in die gleiche Klasse wie Jamie geht, an – doch von diesem seltsamen Mädchen mit der riesigen glaslosen Brille will Jamie eigentlich gar nichts wissen. Sie lässt jedoch nicht locker und als sie ihn schließlich im Bus vor den Angriffen Larrys in Schutz nimmt, kommt Jamie nicht umhin, Audrey doch ein wenig mit anderen Augen zu sehen.

Dann passiert etwas Seltsames: Jamie sieht im Waschsalon die Anzeige einer Hypnotiseurin, die ihre Dienste anbietet. Angeregt durch eine Geschichte, die er über seine Opa, der einmal hypnotisiert wurde, erfahren hat, beschließt Jamie, sich durch Hypnose helfen zu lassen. Er ruft dort an – doch als er merkt, wer sich hinter der Hypnotiseurin verbirgt (das soll hier nicht verraten werden), ist Jamie maßlos enttäuscht. Dabei hätte er so gerne ein schlimmes Geheimnis, das er seit längerem mit sich herumträgt und von dem niemand außer ihm weiß, mit Hilfe der Hypnose zu vergessen versucht.

Bewertung:

Schade, dachte ich, als ich dieses Buch aus der Hand gelegt habe. Nicht, weil es mir nicht gefallen hat und ich ein „Da hätte man mehr daraus machen können“ im Kopf hatte, sondern weil ich den Figuren – allen voran Jamie und Audrey – gerne weiter gefolgt wäre. Doch nach knapp 160 Seiten war die Geschichte leider schon vorbei.

Sarah Weeks ist auch mit „Jamies Glück“ (Übersetzung: Birgitt Kollmann) ein tolles Buch gelungen, das einfach alles hat, was ein gutes Jugendbuch ausmacht: Geheimnisse, die erst am Ende aufgedeckt werden (allerdings hatte ich schon vorher richtig vermutet, um was es geht), Figuren, die einzigartig und etwas ganz Besonderes sind, sowie eine Geschichte, die von vorne bis hinten rund ist. Das alles ist mit traumwandlerischer Sicherheit in ein stimmiges Buch gegossen worden, wie es nur wenige gibt.

Unterstützt wird all das durch eine Sprache, die immer wieder witzig und treffend ist, die in originellen sprachlichen Bildern die Beschreibung der Figuren und ihrer Lebenssituation zusammenfasst. Ein Beispiel? „Ich presste meine Daumen noch fester auf die Ohren, dann ließ ich los. Auf, zu, auf, zu, immer schneller, bis die Wörter in Streifen gehobelt wurden wie Weißkohl für Salat und sich anhörten wie Chinesisch.“ (So versucht Jamie auf Seite 8 die Schule und das Gerede seiner Lehrerin zu überstehen…) Ich mag einfach Bücher, in denen Dinge so originell ausgedrückt werden. Und „Jamies Glück“ ist voll von solchen glückselig machenden sprachlichen Inseln…

Fazit:

5 von 5 Punkten. Das Einzige, was man an „Jamies Glück“ kritisieren könnte, ist, dass das Buch so kurz ist. Aber wahrscheinlich ist das wie bei einer Party: Man sollte besser aufbrechen, solange die Party noch gut ist, als bis zum Ende warten und dann möglicherweise enttäuscht nach Hause gehen.

Sarah Weeks neues Buch ist ein Glücksfall und macht dem Leser nicht nur Mut (womit der Hanser-Verlag etwas hausbacken wirbt), sondern hinterlässt beim Leser gute Laune. An bizarre und zugleich sympathische Figuren wie Audrey oder Sapphy kann man sich noch lange erinnern.

Wenn ich nicht immer so gegen Verfilmungen von Büchern wäre, weil sie mir meine eigenen Bilder nehmen (deswegen habe ich z.B. auch noch keinen Harry-Potter-Film gesehen), würde ich sagen: „Jamies Glück“ wäre eine geeignete Vorlage für einen tollen Film. Aber gottseidank wird das ja kein Hollywood-Regiseur lesen – von daher kann ich das hier ja trotzdem bedenkenlos schreiben… (ab 11 Jahren)

blau.giflila.gifrot.gifgelb.gifgruen.gif

(Ulf Cronenberg, 19.12.2007)

Lektüretipp für Lehrer!

Jamie hat nach dem Umzug in eine andere Stadt so einiges zu bewältigen: Er wird von Mitschülern gehänselt, von seiner Lehrerin lächerlich gemacht, usw. Doch von unerwarteter Seite bekommt er Hilfe…
„Jamies Glück“ ist ein Glücksfall von einem Buch, das für 5. Klassen, mit denen man sich auch an feinsinnigere Themen heranwagen kann, eine tolle Lektüre darstellt. Vor allem die sprachliche Gestaltung ist bewundernswert – aber darüber hinaus bietet das Buch auch Gesprächsanlässe für viele Themen: von Mobbing über Freundschaft und Scheidung bis hin zu sexuellem Missbrauch. Die Themen werden in dem Buch einfühlsam behandelt und angesprochen, sie stehen vor allem nicht so im Zentrum des Buches, dass man penetrant darauf geschubst wird.

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