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Buchbesprechung: Melvin Burgess "Sarahs Gesicht"

Cover BurgessLesealter 13+(Carlsen-Verlag 2007, 287 Seiten)

Fast drei Jahre ist es her, dass ich mein erstes Buch von Melvin Burgess gelesen habe: „Doing it“ – ein interessantes ungeschminktes Buch über das Thema Sexualität, das für einige Aufregung gesorgt und zu kontroversen Diskussionen geführt hat.

Im Klappentext zu Melvin Burgess‘ neuestem Buch steht, dass dem Autor mit „Sarahs Gesicht“ wieder ein kontroverses und hochaktuelles Buch gelungen sei. Und das machte mich natürlich neugierig – jedoch hört sich das zugleich auch etwas sehr nach einer Formulierung der Werbeabteilung an. Also, schauen wir doch mal, ob das Buch dieses Prädikat wirklich verdient…

Inhalt:

Sarah ist ein Mädchen, das noch zur Schule geht und schon in jungen Jahren das große Ziel hat, groß herauszukommen und berühmt zu werden. Dabei schreckt sie vor nichts zurück. Zu Hilfe kommt ihr, dass sie bei ihren Mitschülern äußerst beliebt ist – und das, obwohl sie einige Spleens hat. So verwandelt sie sich oft äußerlich wie auch im Verhalten wochenlang in ein anderes Mädchen, spricht dann z.B. mit vietnamesischem Akzent und schminkt ihre Haut braun.

Sarahs große Chance kommt, als sie im Krankenhaus nach einem vermeintlichen Unfall, bei dem ihr Gesicht durch ein Bügeleisen entstellt wurde, von dem großen Musik-Star Jonathon Heat besucht wird. Die beiden erkennen im ersten Gespräch, dass sie seelenverwandt sind – und schon bald darauf zieht Sarah auf Jonathons Gut Landheim, wo die Jonathon dafür sorgen will, dass auch Sarah groß rauskommt.

Doch Jonathon ist eine sehr umstrittene Persönlichkeit. Er hat fast Hunderte von Gesichtsoperationen hinter sich und ist inzwischen davon ganz entstellt. Deswegen trägt er auch meist eine Maske über seinem Gesicht, die er erfolgreich auch an Tausende seiner Fans verkauft. Sie ist sein Markenzeichen.

Sarah gerät immer mehr in einen Strudel seltsamer Ereignisse, denn sie ist mit ihrem Körper und Gesicht nicht zufrieden. Deswegen plant sie, sich operieren zu lassen – und zwar von dem umstrittenen Chirurgen Dr. Kaye, der für Jonathon Heat arbeitet und über den üble Gerüchte kursieren. Jonathon spielt dabei eine zwielichtige Rolle, denn es scheint Außenstehenden so, als würde er gezielt darauf hinarbeiten, selbst Sarahs Gesicht zu bekommen…

Bewertung:

Melvin Burgess‘ neuestes Buch ist wie eine Art Journalistenbericht geschrieben, in dem der Autor vorgibt, die geheimnisvolle Geschichte von Jonathon und Sarah aufdecken zu wollen. Der Erzähler interviewt dazu viele Personen, die mit den beiden zu tun hatten, und versucht, dem Geheimnis, was passiert ist, auf die Spur zu kommen. Dies ist jedoch nicht gerade leicht, da beide sich kaum über die Ereignisse geäußert haben. Eingestreut findet man einige transkribierte Videos, die Sarah wie ein Video-Tagebuch selbst aufgezeichnet hat.

Diese Form des Schreibstils hat mich – insbesondere am Anfang – ziemlich irritiert. Ich habe mich als Leser auf Distanz gehalten gefühlt und bin lange nicht so richtig in die Geschichte hineingekommen. Erst nach der Hälfte des Buches – so lange hat das gedauert! – wurde ich mit der Geschichte etwas wärmer. Aber ein Stück Distanz ist nach wie vor geblieben.

Die Story um Sarah ist überhaupt etwas seltsam – in ihr wird das Star-Sein etwas sehr übertrieben und überzeichnet. Erst so nach und nach entsteht aus den ganzen Einzelinterviews so etwas wie ein Gesamtbild davon, was eigentlich passiert ist – und selbst am Ende bleibt man als Leser mit einigen Fragen zurück: Wer war eigentlich Sarah? Was war mit ihr los? Warum hat sie sich so seltsam verhalten?

Nun, das ist sicherlich Absicht – aber mir hat bei dem Buch alles in allem doch das poetische Moment gefehlt, so dass ich mich vor allem am Anfang zum Weiterlesen zwingen musste.

Fazit:

3 von 5 Punkten. Der Verlag hat sicherlich recht: „Sarahs Gesicht“ ist ein kontroverses Buch – und zwar sowohl was den Inhalt, als auch was den Schreibstil betrifft – und regt damit zum Nachdenken und Diskutieren an. Aber ein richtig gutes Buch ist es dennoch nicht geworden. Mir war es einfach zu sehr zerstückelt in diese vielen Einzelberichte.

Das Verwirrspiel um Sarah wird zwar gegen Ende des Buchs langsam durchsichtiger und damit wird die Geschichte packender, aber mit großem Genuss habe ich dieses Buch trotzdem nicht gelesen. Da hilft es auch nicht, dass in Melvin Burgess‘ Buch der Starkult, der ja wirklich oft abstruse Formen annimmt, kritisiert und auf die Spitze getrieben wird.

Insgesamt war ich von dem Buch – vor allem nach dem tollen Vorgänger „Doing it“ – etwas enttäuscht. (ab 13/14 Jahren)

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(Ulf Cronenberg, 11.12.2007)

Weitere Meinungen:

„Sarahs Gesicht“ ist ein wahres Horrorkabinett und ein Spiel um Wahrheit und Lüge, Identität, Schönheit und Wahn am Beispiel eines 15-jährigen Mädchens, das um jeden, aber auch wirklich jeden Preis berühmt werden will.
Habe ich dieses Buch gern gelesen? Nein. Als Leserin blieb ich merkwürdig auf Distanz – einerseits wohl durch den Schreibstil, der einem Recherchebericht mit Interviews gleichkommt, andererseits durch die mir äußerst unsympathische Hauptperson Sarah. Sie wird uns einerseits als eine selbstbewusste, starke, aber andererseits als labile, ja fast dissoziativ gestörte Persönlichkeit vorgestellt.
Die Thematik an sich fand ich jedoch nicht uninteressant: Es geht um Wahrheit und Wahrhaftigkeit, Identität, das eigene Selbst und Schönheit. Sich selbst zu erkennen, die eigene Identität zu definieren und „das Gesicht zu wahren“ wird für Sarah und Jonathon zur Aufgabe, Herausforderung und Problematik. Die unendliche Unzufriedenheit mit dem inneren und äußern Ich lässt einen sofort an Michael Jackson denken, der nach mannigfachen Eingriffen der plastischen Chirurgie inzwischen auch nur noch eine bemitleidenswerte, jämmerliche Figur abgibt.
Teils hat das Buch auch Elemente einer wahren Geistergeschichte. Aber irgendwie bleibt das Ganze abstrakt, nicht greifbar. So ist auch nicht nachzuvollziehen, was etwa Mark an Sarah findet, dass er sie so kompromisslos liebt und schützen will. Und für ein Buch, das Kritik am Schönheitswahn üben will, hätte ich mir eine normalere Hauptperson mit einem höheren Identifikationsfaktor gewünscht.

(Iris Henninger)

Kommentare (0)

  1. ANI

    WOW!! Das Buch war sooooo klasse. Sarahs Videotagebuch, die Interviews usw. sind echt toll. Man könnte jede Person verstehen und mit ihr fühlen. Aber obwohl es um Sarah ging, verstand man gerade sie am wenigsten. Ich habe zwei Tage lang gelesen und konnte das Buch keine Minute aus der Hand legen!

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  2. Sarah

    Mir hat das Buch gefallen … Ich würde es auf jeden Fall weiterempfehlen.

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