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Buchbesprechung: Kevin Brooks "Kissing the Rain"

Cover BrooksLesealter 13+(dtv-extra 2007, 413 Seiten)

Kevin Brooks, der mit „Kissing the Rain“ für den diesjährigen Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert ist, hat eine interessante Biografie. Der Mann mit dem kahl geschorenen Kopf spielte früher in eine Punkrock-Band und hat sich ansonsten mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten. Dann kam mit „Martyn Pig“ Kevin Brooks Durchbruch – und seitdem lebt der englische Schriftsteller davon, Jugendbücher zu schreiben.

Wollt ihr noch ein bisschen mehr über den Autor erfahren? Hier findet ihr bei dtv ein ins Deutsche übersetztes Interview mit Kevin Brooks.

Inhalt:

Michael Nelson hat es nicht leicht im Leben, denn er ist dick und bringt 110 Kilo auf die Waage. Wegen seiner Körperfülle wird er in der Schule und auch sonst dauernd von allen Gleichaltrigen herablassend behandelt, oft sogar gedemütigt und gemobbt. Bis auf Brady, der wegen seiner kleinen Statur und seines komisches Äußeren selbst Zielscheibe für Übergriffe ist, hat Michael, der meist nur „Moo“ genannt wird, keinerlei Kontakt zu Gleichaltrigen. Selbst mit Brady verbindet ihn nur das gemeinsame Leiden – aber in brenzligen Situationen stehen sie sich nicht zur Seite.

Moo verbringt seine Freizeit nach der Schule oft auf einer Brücke, die über eine Autobahn führt. Dort beobachtet er die Autos und denkt über sein Leben nach. Die Brücke ist sein einziger Zufluchtsort. Eines Abends wird er dort Zeuge eines Vorfalls: Ein Auto drängt ein anderes ab, die Fahrer steigen aus und beginnen miteinander zu kämpfen. Schließlich steigen aus einem der Autos drei weitere Männer aus. Am Ende bleibt ein Mann am Boden liegen und rührt sich nicht mehr. Kurz darauf trifft die Polizei ein, und Michael wird als Zeuge des Vorfalls von den Polizisten vernommen. Dabei erfährt er, dass einer der Männer mit einem Messer erstochen wurde.

Die Polizei vermutet, dass der Fahrer des einen Wagens, ein Großkrimineller namens Vine, der Mörder ist – doch Michael hat etwas anderes beobachtet. Und so wird Michael in ein übles Spiel hineingezogen, bei dem die Polizei Vine des Mordes überführen will. Und von einem Moment auf den anderen ist Michaels Leben nichts anderes mehr als eine Katastrophe: Denn sowohl die Polizei als auch der Anwalt Vines wollen ihn für sich vereinnahmen und bedrohen ihn, wenn er eine Aussage macht, die der jeweiligen Partei nicht passt. Michael weiß nicht, wie ihm geschieht…

Bewertung:

„Kissing the Rain“ ist ein Thriller für Jugendliche, der einen nicht mehr loslässt. Michael, der in seinem Leben wegen des Mobbings nichts zu lachen hat, wird in einen Komplott hineingezogen, der es in sich hat. Der Junge weiß nicht mehr, was er tun soll – sagt er die Wahrheit, droht ihm der verantwortliche Polizist, der Vine unbedingt überführen will, seinen Vater des Rentenbetrugs zu überführen. Sollte er jedoch eine Aussage gegen Vine machen – so macht ihm dieser unmissverständlich klar – , wird Vine Michael von seinen Schergen zusammenschlagen lassen. Die Schilderung dieses unlösbaren Dilemmas kommt in der Geschichte gut rüber und lässt den Leser mitzittern.

Das Buch wird aus der Perspektive Michaels erzählt, der in seiner Not kurz vor der entscheidenden Gerichtsverhandlung alles niederschreibt. Der Stil des Romans ist entsprechend experimentell – denn Michael erzählt alles in der Sprache der Jugendlichen. Gedankenfetzen, umgangssprachliche Formulierungen, ja sogar Rechtschreibfehler sind typisch für den Schreibstil des Buches. Dadurch wirkt alles sehr authentisch. Ein ganz besonderes Buch ist daraus geworden, das nah an der Lebenswirklichkeit eines Jungen ist, der sich in seinem ganzen Leben als Spielball anderer fühlt.

Insgesamt ist „Kissing the Rain“ ein äußerst spannendes Buch, in dem das Netz, das Michael gefangen hält, zunehmend zugezogen wird. Immer drängender und bedrohlicher wird die Situation Michaels. Und das ist packend zu lesen, die aussichtslose Situation Michaels wird schonungslos auf den Leser übertragen.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Kevin Brooks „Kissing the Rain“ ist ein gewagtes, aber gelungenes Buch, das nichts beschönigt – weder in Bezug auf Michaels Leben als Außenseiter noch im Hinblick auf die ausweglose Pattsituation, in die der Junge hineinmanövriert wurde und für die er gar nichts kann. Manchmal möchte man Michael zurufen: „Warum wehrst du dich nicht?“ – aber das Netz der Bedrohungen ist einfach zu dicht, um sich daraus befreien zu können. Selten habe ich ein Buch gelesen, das so schonungslos, ja man könnte sagen: knallhart, das Leben eines Jungen darstellt, der als Dicker gnadenlos gemobbt wird.

Vor allem die Sprache in dem Buch verschlägt einem als Leser immer wieder den Atem. Was Kevin Brooks da geleistet hat, ist einfach brillant.

Den Namen Kevin Brooks sollte man sich spätestens nach diesem Buch merken – denn man spürt auf jeder Seite: Hier schreibt einer, der die Welt von Jugendlichen kennt und der all das auch noch in packende Geschichten zu packen weiß.

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(Ulf Cronenberg, 23.05.2008)

Weitere Meinungen:

Was an dem Buch als erstes auffällt, ist die ungewöhnliche Sprache: Moo berichtet aus der Ich-Perspektive – und zwar durchgehend in Umgangssprache, mit allen Formen, Fehlern und Kraftausdrücken, wie ihm eben der Schnabel gewachsen ist. Das ist gar nicht so einfach zu lesen. Ich habe ungefähr bis zur Hälfte des Buches gebraucht, mich daran zu gewöhnen. Zudem ist die gesamte Erzählweise ziemlich langatmig und redundant. Ab einem gewissen Punkt jedoch entfalteten Geschichte und Sprache einen Sog und zogen mich in ihren Strudel. Umso enttäuschender das Ende: Allzu offen ist es und lässt den Leser völlig „im Regen stehen“, also ziemlich unbefriedigt zurück. Erst die ganze weitschweifige, schleppende Geschichte und dann so ein abruptes Ende – als ob der Autor die Energie verloren hätte …
Dennoch fand ich das Buch ein interessantes Lese-Erlebnis, weil es einfach wirklich einmal etwas ganz anderes ist. Auch stellt es bestimmte Fragen und Werte zur Diskussion: Wahrheit/Lüge, Gut/Böse. Was ist der Wert oder die Bedeutung eines Menschen? Kann Mord eine Lösung sein?
Es könnte, denke ich, durchaus eine begeisterte Leserschaft, nicht zuletzt unter Jungen, finden.

(Iris Henninger)

Kommentare (0)

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  3. Ami

    Kevin Brooks ist für mich der beste Jugendbuchautor überhaupt. Auch wenn mir nicht alle seine Bücher gleichermaßen gefallen, „Kissing the Rain“ gehört zu meinen Lieblingsbüchern. Total authentisch und mitreißend, nur das Ende ist ziemlich offen. Brooks hat einfach einen unvergleichlichen Stil. Er stellt die Gefühls- und Gedankenwelt seiner Protagonisten so realistisch dar, dass man sich super in sie hineinversetzen kann. Das macht ihm einfach keiner nach!

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