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Buchbesprechung: Jerry Spinell "Asche fällt wie Schnee"

Cover SpinelliLesealter 11+(Dressler-Verlag 2006, 236 Seiten)

Obwohl ich ein großer Fan von Jerry Spinelli bin, hatte ich es versäumt, mir „Asche fällt wie Schnee“ vor eineinhalb Jahren, als es auf Deutsch erschienen ist, zu kaufen. Dabei hatte ich es sogar verschenkt … Als ich neulich die aktuellen Verlagsprospekte gewälzt habe, bin ich jedoch wieder darauf gestoßen und habe es nun endlich gelesen.

Spinellis neuestes Buch (zumindest auf Deutsch ist es das noch immer) hat diesmal einen ziemlich ersten Hintergrund: Es geht um das Warschauer Ghetto im 2. Weltkrieg – also um Judenverfolgung und Nationalsozialismus. Ich war sehr gespannt, wie sich Jerry Spinelli diesem schwierigen Thema nähert …

Inhalt:

Mischa (diesen Namen bekommt er allerdings erst später im Laufe des Buches) ist ein kleiner schmächtiger Junge, der nichts über seine Herkunft und seine Eltern weiß und der sich kurz vor dem 2. Weltkrieg in Warschau durchs Leben schlägt. Seine flinken Beine und seine Wendigkeit helfen ihm dabei, Sachen zum Überleben zu stehlen.

Dann trifft er auf Uri, ein älterer Junge, der weitere Jungen um sich versammelt hat, und gemeinsam halten sie sich mit Stehlen über Wasser. Uri ist es auch, der Mischa schließlich seinen Namen gibt und für ihn eine Familiengeschichte erfindet, so dass er vor anderen nicht mehr nur ein herumstreunender Junge ist.

Bei einem seiner Raubzüge trifft Mischa auf eine junges jüdisches Mädchen namens Janina, das mit ihren Eltern in einem großen Haus lebt – die beiden freunden sich an. Doch dann kommen die deutschen Truppen nach Warschau und verbreiten Angst und Schrecken. Mischa weiß in seiner Naivität zunächst gar nicht, was vor sich geht und freut sich über die Paraden der vielen Soldaten, die er wegen ihrer glänzenden Stiefel liebevoll „Knobelbecher“ nennt. Erst nach und nach geht ihm auf, dass Schlimmes passiert.

Und eines Tages ist dann Janina verschwunden – Mischa, der ein Zigeunerkind zu sein scheint, folgt ihr quasi freiwillig ins überfüllte Warschauer Ghetto, wo die Juden zusammengepfercht werden. Trotz der schlimmen Zustände dort schafft Mischa es, für sich und Janinas Familie zu sorgen, indem er nachts durch ein kleines Loch der Ghetto-Mauer schlüpft und Lebensmittel stiehlt …

Bewertung:

Das Buch von Jerry Spinelli ist anfangs fast eine Zumutung – aber das meine ich in diesem Fall positiv. Kennt ihr den Film „Das Leben ist schön“ von Roberto Benigni? Dort kommt ein Vater mit seinem kleinen Sohn im Dritten Reich in ein Gefangenenlager und tut dort vor seinem Sohn so, als würde es sich dabei um einen großen Wettstreit handeln. Er versucht seinen Sohn dadurch vor den Schrecken des Lagers zu bewahren. Letztendlich ist es jedoch für den Zuschauer schlimmer auszuhalten, wie der Vater seinen Sohn ständig bei Laune hält, als wenn man „nur“ die katastrophalen Bedingungen im Gefangenenlager sehen würde. Und genauso ist das bei „Asche fällt wie Schnee“.

Mischa ist so gnadenlos naiv, weiß nichts über die Gräueltaten der Nazis, beobachtet alles mit kindlicher Begeisterung, dass es richtig wehtut. Doch Jerry Spinelli gelingt diese Gratwanderung erstaunlich gut. Es wird in dem Buch nichts über die Grausamkeiten im Warschauer Ghetto verschwiegen, nichts wird beschönt, zugleich ist Mischa mit seiner Naivität eine Figur, die der traurigen Geschichte das notwendige Fünkchen Hoffnung gibt.

Wie Mischa sich um Janinas Familie und um jüdische Waisenkinder kümmert, indem er für sie Lebensmittel klaut, das zeigt, wie man in solchen schweren Zeiten zusammenhalten kann. Mischa ist ein ganz besonderer Held, der den Leser verzaubert.

Aber auch die anderen Figuren im Buch haben immer etwas ganz Besonderes an sich – seien es Uri, Janina oder Janinas Onkel Schepsel, der meint, sich dadurch retten zu können, dass er seinen jüdischen Glauben ablegt und zum Lutheraner wird. Genau das ist es, was ich an Spinellis Büchern immer so toll finde: Die Personen sind immer besondere Charaktere, die Menschlichkeit und eine ausgeprägte Individualität vereinen.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Es passiert wirklich nicht oft, dass ich bei einem Buch Tränen in den Augen habe, aber auf den letzten Seiten von „Asche fällt wie Schnee“ war das so – seltsamerweise an einer Stelle, wo sich nach vielen schlimmen Dingen etwas Positives ereignet hat.

Jerry Spinelli hat auch mit diesem Buch gezeigt, dass er ein Meister ungewöhnlicher Figuren ist. Wie es ihm gelingt, selbst dieses schwierige Thema anzugehen, ohne zu beschönigen, aber dennoch kleine Hoffnungen einzustreuen, das ist große Kunst. Dafür kann ich den amerikanischen Autor einfach nur bewundern.

„Asche fällt wie Schnee“ ist keine leichtes Buch, weil es viel Trauriges enthält. Aber es ist ein Buch, das es sich auf jeder Seite zu lesen lohnt. An diesem Buch stimmt einfach alles.

Auf der letzten Buchseite erfährt man in einem Text über den Autor übrigens, dass dieser nie selbst von den Schrecken des 2. Weltkrieges betroffen war (nach diesem Buch könnte man meinen, dass Spinelli auch etwas damit zu tun hatte). Nein, der Autor hatte einige Bücher und Filme (vielleicht auch „Das Leben ist schön“?) zu dem Thema gelesen bzw. gesehen und hatte das Bedürfnis, selbst etwas darüber zu schreiben. Umso bwunderswerter, was daraus geworden ist. Denn einfühlsamer kann man sich diesem dunklen Kapitel der Geschichte nicht nähern! (ab 11/12 Jahren)

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(Ulf Cronenberg, 05.09.2007)

Lektüretipp für Lehrer!

Mischa, ein kleiner Zigeuner-Junge, kommt im 2. Weltkrieg ins Warschauer Ghetto und hilft vielen Menschen dort, indem er nachts durch ein Loch in der Mauer schlüpft und Lebensmittel klaut.

„Asche fällt wie Schnee“ ist ein besonders einfühlsames Buch über das dritte Reich und das Warschauer Ghetto, das für die Besprechung im Unterricht viele Anlässe bietet. Besonders geeignet erscheint es mir für den Unterricht, weil es viele Leerstellen lässt, über die sich mit Schülern diskutieren lässt oder die man Schüler beim kreativen Schreiben füllen lassen kann – wie z.B. die Frage: „Wer ist eigentlich Uri?“

Jerry Spinellis Buch ist eine Alternative für Deutschlehrer, die schon oft „Damals war es Friedrich“ oder „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ besprochen haben, auf das Thema Drittes Reich nicht verzichten, aber einmal etwas anderes lesen wollen.

Kommentare (0)

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  2. Emma Winterfelser

    Ich habe dieses Buch auch gelesen und stelle es nun in der Schule vor. Mein Herz ist immer noch ganz angespannt (so fühlt es sich halt an) wegen dieses Romanes. Das ist das erste Buch, das ich von Jerry Spinelli gelesen habe. Mich wundert es, dass ich am Schluss Tränen in den Augen hatte, wo doch alles vorbei ist?! Wahrscheinlich weil es mich fasziniert, dass ein Mensch sein ganzes Leben lang trotz Strapazen und Grausamkeit an einem Menschen festhält. Hier: Mischa an Janina.

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  3. Lenny Leske

    Ich habe dieses Buch schon zweimal gelesen und ich stelle es jetzt auch in meiner Schule vor.

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  4. Roberta

    Jerry Spinellis Bücher waren bis jetzt immer toll! Dieses auch!

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  5. Sabina

    Seit wann ist Uri ein Mann? Uri ist ein Junge, sowie all die anderen auch.

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  6. Ulf Cronenberg

    Sabina, du hast recht. Ich habe das in der Buchbesprechung geändert …

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