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Buchbesprechung: Brian Doyle "Boy O'Boy"

Cover DoyleLesealter 14+(Oetinger-Verlag 2005, 171 Seiten)

Auf dieses Buch hat mich Iris Henniger, die immer wieder Bücher bei Jugendbuchtipps.de bewertet, aufmerksam gemacht – sie war sehr begeistert davon. Nicht immer liegen wir mit unseren Einschätzungen der Bücher jedoch auf gleicher Linie – von daher war es spannend zu sehen, wie das bei Brian Doyles, bereits 2005 erschienenen Buch sein würde.
Da ich schon beim Autor bin: Brian Doyle ist einer der bekanntesten Jugendbuchtautoren Kanadas und lebt in Ottawa (wo auch das Buch spielt). Auf Deutsch sind schon einige Bücher von ihm erschienen – doch „Boy O’Boy“ ist das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe.

Inhalt:

Es sind die letzten Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges – die Nachrichten aus der Welt überschlagen sich (u.a. von den Atombombenabwürfen in Japan). Martin O’Boy lebt mit seiner Familie – seinem geistig behinderten Zwillingsbruder Phil sowie seinen Eltern, die sich häufig streiten – in Ottawa. Seine Oma, die Martin über alles liebte, ist gestorben, und Martin vermisst sie sehr. Außerdem erwartet seine Mutter in den nächsten Wochen ein weiteres Kind. Und ganz Ottawa wartet auf das Ende des Krieges und die Heimkehr der Soldaten.
Martins bester Freund ist Billy, dessen Vater angeblich verschwunden ist, ohne dass Billy so genau weiß, wie und warum. Gemeinsam beschließen Martin und Billy in den Chor der Kirche unter Leitung des Organisten Mr. George zu gehen, um dort während der Sommerferien ein bisschen Geld zu verdienen. Denn Mr. George zahlt seinen Sängerknaben für jeden Probe und jeden Gottesdienst, bei dem sie singen, einige Cent. Mr. George ist mit seiner dicken Brille ein etwas komischer Kauz, doch Martin scheint er wegen dessen reiner Stimme besonders zu mögen. Und so beschließt Mr. George, Martin nach den Proben noch etwas zusätzlich zu unterrichten.
Doch dabei passiert etwas, was Martin sich nie hätte träumen lassen. Mr. George versucht, Martin näher zu kommen, lädt ihn erst zum Eisessen, dann zu einem Spaziergang ein…

Bewertung:

Um es gleich vorwegzunehmen: „Boy O’Boy“ ist nicht die Art von Jugendbüchern, die ich so richtig gerne lese. Es gibt viele Dinge, die man an diesem Buch mögen muss: Der Schreibstil ist eindrücklich und einfühlsam, Martins Gefühlswelt und seine Umgebung werden sehr genau, oft fast lyrisch beschrieben. Und wie die Stimmung in Ottawa am Ende des Zweiten Weltkrieges aufgezeichnet wird, ist sicherlich beeindruckend…
Trotzdem gibt es eine Sache, die mich an dem Buch gestört hat: Die Geschichte steht mir zu viel still. Das mag des Lebensgefühl der damaligen Zeit widerspiegeln, aber mir ist das für ein gutes Buch – vor allem auf den ersten 80 Seiten – zu wenig. In mir kam beim Lesen immer wieder der Wunsch auf, die Geschichte anschieben zu müssen. Erst in der zweiten Hälfte, als Mr. George sich Martin zu nähern versucht, passiert endlich etwas und die Starre der ersten Hälfte, in der sich das Buch um sich selbst dreht, ist vorbei. Doch bis dahin war für mich einiges Durchhalten nötig.

Fazit:

3 von 5 Punkten. „Boy O’Boy“ ist eines der Jugendbücher, von denen ich sagen würde, dass sie eher für Erwachsene, die gerne literarisch anspruchsvolle Bücher lesen, als für Jugendliche geschrieben wurden. Dass viele Jugendliche an diesem Buch Gefallen finden werden, wage ich zu bezweifeln. Für Jugendliche im Alter von Martin ist dieses Buch mit dem sexuellen Missbrauch eher schwer zu verstehen – zumal die Missbrauchsgeschichte recht verschleiert dargestellt wird. Ältere Jugendliche dagegen werden sich angesichts der Trägheit der Geschichte eher langweilen. Brian Doyles Buch ist kunstvoll geschrieben – da gibt es keinen Zweifel -, aber mir persönlich fehlt das packende Element…
Ich weiß, dass man dieses Buch auch anders bewerten kann (und ich hoffe, Iris fügt ihre Bewertung bald an) – aber mir persönlich war die Geschichte zu träge.

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(Ulf Cronenberg, 20.05.2007)

Weitere Meinungen:

Also, mich hat die Geschichte keinen Moment lang gelangweilt. Die Sprache, in der sie erzählt ist – poetisch, humorvoll und zugleich auch schlicht –, hat mich sehr berührt, ebenso wie Martins Alltag, seine Erlebnisse und Erinnerungen.
Martin O’Boy lebt gegen Ende des 2. Weltkriegs mit seinen Eltern, seinem geistig behinderten Zwillingsbruder und seiner einohrigen Katze in Lowertown, einem ärmeren Viertel in Ottawa, Kanada. Seine geliebte Oma stirbt, viele Nachbarn sowie sein guter Kumpel und Beschützer Buz sind als Soldaten im Krieg, das Geld fehlt an allen Ecken und Enden. Es wird ein interessantes, lebendiges Bild von Martins Mikrokosmos und seinen Mitmenschen geschaffen: Da sind die überforderten und gereizten Eltern, der unberechenbare Bruder, die zwei Damen der Fürsorge, die gemeinen Männer aus dem Eishaus, der sadistische Turn- und Mathelehrer, der gehbehinderte Chorleiter und Musiklehrer, der Nachbar, der als Lumpensammler durch die Straßen zieht, die Familie mit einer unzählbaren Menge an Kindern, Martins bester Freund Billy, dessen Vater irgendwie verschwunden ist, und nicht zuletzt Mr. George, der sich sympathische gebende, aber hinterlistige Orgelspieler.
Martin und Billy sind zwei ganz normale Jungs, die sich in den Zeiten des Krieges nach Normalität und Zuwendung sehnen, sich oft in Erinnerungen an bessere Tage und kindliche Phantasie flüchten. Beide werden Opfer des hinlänglich bekannten Kinderschänders Mr. George – man fragt sich nur, warum niemand bisher wirklich etwas gegen ihn unternommen hat!? –, aber am Ende nehmen sie Rache und die Geschichte nimmt auch auf anderen Ebenen einen guten Ausgang.
Schon allein die Geschichte um den misslungenen Kauf neuer Schuhe, die Martin dringend braucht, finde ich so sehr rührend wie lustig. Sie zieht sich durch das ganze Buch, und am Ende ergibt sich auch dafür eine Lösung.
Ich gebe Ulf recht, dass das Buch aufgrund seiner Erzählweise und des Schreibstils eher für ältere Leser geeignet ist, als man vielleicht meinen könnte. Manches ist dann auch recht vorhersehbar, wie z. B. Omas Regenschirmaktion oder der Missbrauch an sich. Vorwerfen könnte man dem Buch meiner Meinung nach nur, dass die ganze Sache sich am Schluss allzu leicht auflöst, denn die Frage ist, ob das für die Jungen ebenso schnell und einfach möglich ist. Ansonsten finde ich es ein atmosphärisch dichtes Buch um Probleme und Leid auf der einen, Freundschaft und Hoffnung auf der anderen Seite, das mir viel Lesevergnügen gebracht hat.

(Iris Henninger)

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