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Buchbesprechung: Anthony McCarten „Superhero“

Cover McCartenLesealter 15+(Diogenes-Verlag 2007, 303 Seiten)

Ich sitze im Regionalexpress von Nürnberg nach München, Freitagabend, typische Bayernticket-Zeit. Entsprechend voll ist der Zug. Vor einer Viertelstunde habe ich „Superhero“ von Anthony McCarten, eines der für den diesjährigen Deutschen Jugendliteraturpreis nominierten Bücher, fertig gelesen aus der Hand gelegt und fange gerade an, die Buchbesprechung in den Laptop zu tippen … Irgendwie passt die Stimmung in diesem Zug zu diesem Buch aus dem Jahr 2007, das ich im letzten Jahr glatt übersehen habe. Aber es ist nie zu spät für ein gutes Buch …

Der Diogenes-Verlag ist allerdings auch nicht gerade für Jugendbücher bekannt. Und Anthony McCarten, der aus Neuseeland stammt, schreibt normalerweise Theaterstücke, Drehbücher, Gedichte, Kurzgeschichten und Romane für Erwachsene … – eben keine Jugendbücher.

Inhalt:

Der 14-jährige Donald hat Schweres vor und hinter sich. Er ist an Leukämie erkrankt, und nach der ersten großen chemotherapeutischen Behandlungswelle geht es ihm ziemlich schlecht – körperlich wie psychisch. Doch das will Donald sich nicht so richtig eingestehen … Er macht stattdessen auf cool und versucht ansonsten, wo immer es geht, die Unsicherheit zu verdrängen, ob die ersten guten Befunde nach der Chemotherapie bestehen bleiben.

Donald ist ein begnadeter Zeichner – und seinen großen Frust arbeitet er an recht schrägen Comics ab, die er in allen möglichen Lebenslagen zeichnet. Seine Hauptfigur ist MicacleMan, der Superhero, der er selbst gerne wäre. MiracleMan rettet die Welt, hat eine Geliebte (wie Donald sie auch gerne hätte, aber nicht hat), jedoch auch einen unerbittlichen Feind namens Gummifinger, der ihn zu töten versucht.

Donalds Eltern versuchen sich, so gut es geht, um ihren krebskranken Sohn zu kümmern. Weil sie das Gefühl haben, dass Donald sie nicht mehr an sich heranlässt, schicken sie ihren Sohn zu Adrian, einem Psychologen, der sich fortan regelmäßig mit Donald trifft. Die ersten Sitzungen sind furchtbar – und zwar sowohl für Donald als auch für Adrian. Jedoch ändert sich das aus unerfindlichen Gründen nach einiger Zeit. Nicht nur für Donald bekommt Adrian eine große Bedeutung – auch Adrians eigenes Leben wird zunehmend von Donald bestimmt und beeinflusst.

Doch die Hoffnung, dass die psychologischen Sitzungen Donalds Lebensmut und damit den Kampf gegen die Krankheit unterstützen, bekommen bald einen Dämpfer …

Bewertung:

Lust auf ein ganz anderes Jugendbuch? Etwas irgendwie noch nie da Gewesenes? Zumindest mir ging es so, dass ich beim Lesen von „Superhero“ das Gefühl hatte, ein noch nicht erforschtes Terrain im Gefilde der Jugendbücher zu betreten. Das Buch ist in seiner Deutlichkeit, Dinge anzusprechen, einfach gnadenlos. Es nimmt kein Blatt vor den Mund und beleuchtet dabei das schwierige Leben eines 14-jährigen krebskranken Jungen ohne Sentimentalität – und dennoch auf seine eigene Weise sehr gefühlvoll.

Auf den ersten 30 Seiten fand ich „Superhero“ ziemlich anstrengend. Das Buch hat eine Sprache, die es dem Leser nicht gerade leicht macht, darin abzutauchen. Und mein Gedanke war, dass sich diese faszinierende, aber anstrengende Schreibweise von Anthony McCarten irgendwann totgelaufen haben muss.

Umso erstaunter war ich, als mit zunehmender Lesedauer genau das Gegenteil eintrat. Je weiter ich in der Geschichte um Donald vorankam, umso vertrauter wurde mir der Schreibstil, umso mehr war ich in der Lage zu erkennen, welches Meisterwerk dieses Buch darstellt. Es ist nicht nur so, dass einem die Rafinesse dieses Schreibstils zunehmend den Atem verschlägt, sondern mit zunehmender Lesedauer wurde mir klar, dass Anthony McCarten in „Superhero“ ein unvergleichliches Kaleidoskop von Stimmungen und Gefühlen (und zwar von Schwierigem bis Schönem) aufs Papier gebracht hat, wie man es sonst fast nirgends findet.

Es ist dabei nicht nur Donald, der in dieser schwierigen Lebenssituation so eindrücklich geschildert wird, sondern auch die anderen Personen (z.B. Donalds Eltern, sein Bruder oder auch Adrian, der Psychologe) werden in all ihren Facetten gezeigt. Und das Schöne an dem Buch ist, dass es bei allem Leid, das Donald widerfährt, beim Leser dennoch Lebenslust und -mut hinterlässt.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Zugegeben – ich habe erst zwei der in diesem Jahr für den Jugendliteraturpreis nominierten Bücher gelesen. Aber wenn „Superhero“ kein ganz großer Favorit auf den wichtigsten deutschen Jugendbuchpreis ist, dann weiß ich auch nicht …
Das Buch ist kompromisslos, scheut sich nicht, Dinge deutlich beim Namen zu nennen, regt zum Nachdenken an und verspricht zugleich auch noch Unterhaltung auf hohem Niveau. Kurz gesagt: Ich habe selten ein Jugendbuch in der Hand gehabt, das mich auf so vielen, eigentlich auf allen Ebenen fasziniert hat. (Es spricht übrigens für die Jury des Jugendliteraturpreises, dass sie dieses Buch auf die Nominierungsliste gesetzt hat – und das, obwohl bereits auf der zweiten Seite das Wort „Ständer“ zu lesen ist.)

„Superhero“, das ist – wie gesagt – mal etwas ganz anderes. Ein Buch, das man nicht mit einem anderen vergleichen kann und das von daher schon jetzt im April einen ganz besonderen Höhepunkt in diesem Lesejahr darstellt.

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(Ulf Cronenberg, 09.04.2008)

Lektüretipp für Lehrer!

Donald ist 14 Jahre alt, hat Leukämie und weiß nicht, ob er die Krankheit überleben wird. Und er hat bei aller Verzweiflung ein großes Ziel: noch einmal mit einem Mädchen schlafen. Aber das ist alles andere als einfach …

„Superhero“ ist ein Buch, das man mit einer Klasse oder einem Kurs lesen kann, der sich auf etwas Besonderes einlassen will. Das Buch behandelt ein schwieriges Thema: Wie ein Junge mit seiner Krebserkrankung umgeht – versprüht zugleich aber auch Witz und Lebensmut. Hinzu kommt eine große literarische Qualität, da das Buch recht experimentell geschrieben ist – und zwar so, dass es durchaus Jugendlichen gefallen müsste.

Wegen des hohen Anspruchs ist dieses Buch wohl eher ab der 11. Klasse zu empfehlen.