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Buchbesprechung: Siobhan Dowd “Ein reiner Schrei”

Cover DowdLesealter 15+(Carlsen-Verlag 2006, 317 Seiten)

Wenn man das Buchcover ein bisschen genauer anschaut: Um was könnte es in dem Buch wohl gehen? Nun, auf einen hoffnungsvollen und fröhlichen Roman kann man da wohl eher nicht schließen. Ein Mädchen oder eine Frau geht bei Wind eine nasse Straße entlang. Im Hintergrund sind ein paar einsame Häuser zu sehen – die Wiesen am Straßenrand sind nur als ganz schwach grün zu erkennen. Ansonsten herrschen Grau und Schwarz vor.
Dieser Buchumschlag hat wohl auch dazu geführt, dass ich das Buch erst übersehen habe. Doch dann gab es in einigen Zeitungen begeisterte Kritiken, mehrere Kritiker kürten dieses Buch zu dem besten des Jahres 2007 – ein Grund „Ein reiner Schrei“ zu lesen, das übrigens das erste Buch von Siobhan Dowd ist.

Inhalt:

Irland vor gut 20 Jahren… Shell lebt mit ihrem Vater und ihren Geschwistern Jimmy und Trix in dem kleinen irischen Dorf Coolbar auf einem kleinen Hof. Seit Shells Mutter verstorben ist, bleibt ziemlich viel der Arbeit zu Hause an Shell hängen. Denn ihr Vater kümmert sich um gar nichts. Er scheint den Tod seiner Frau nicht verkraftet zu haben, hat sich wahnwitzigen religiösen Ideen zugewandt und sammelt mit einer Spendendose Geld für die Kirche, von dem er heimlich einiges für sich und die Familie abzweigt. Außerdem wendet er sich immer mehr dem Alkohol zu…
Doch auch Shell schwimmt im Leben – schulisch geht es ihr nicht allzu gut, sie ist außerdem mit der Situation zu Hause überfordert. Nur Bridie, ihre Freundin, gibt ihr etwas Halt. Doch auch Shells Freundschaft mit Bridie steht auf wackligen Beinen.
Während Shells Vater immer seltener nach Hause kommt, oft sogar über Nacht wegbleibt, freundet sich Shell mit Declan, einem Jungen aus dem Dorf an. Eigentlich geht er mit Bridie, doch Declan nimmt das nicht so ernst. Shell lässt sich schließlich mit Declan ein – gemeinsam verbringen sie immer wieder Nachmittage in einem ungemähten Feld, wo sie miteinander schlafen. Doch Declan ist ein seltsamer Typ, den man nie so richtig zu greifen bekommt, der davon träumt irgendwann nach Amerika abzuhauen. Und eines Tages ist Declan einfach verschwunden…
Kurz darauf bemerkt Shell, dass etwas mit ihrem Körper nicht stimmt – und auch wenn sie sich lange dagegen wehrt, so wird ihr irgendwann klar, dass sie schwanger ist. Sie versucht es zu verheimlichen…

Bewertung:

Schon die erste Seite von „Ein reiner Schrei“ hat mich mit ihrer Sprache gefangen genommen. Es ist einfach toll, wie z.B. die Stimmung in der Kirche, in der Shell sitzt, beschrieben wird: „Vor ihr schaukelte der Hut von Mrs McGrath, die Feder wirkte, als wäre sie betrunken.“ oder „Die Worte huschten an Shells Ohren vorbei wie Kaninchen, die in ihren Löchern verschwanden.“ Ja, das ist ein außergewöhnlicher Beginn für ein Buch: feinfühlig, gut beobachtet und virtuos geschrieben. Und, Gott sei Dank, blitzt die Sprache im Lauf des Buches immer wieder auf und verwöhnt den Leser mit solchen Sprachbildern.
Ebenso spannend ist es, auf den ersten Seiten die Hauptpersonen der Geschichte kennen zu lernen: Shell und ihre Familie oder Pater Rose, einen jungen Geistlichen, der neu in der Gemeinde ist. Das sind alles Figuren, die man bald ins Herz geschlossen hat, auch wenn sie oft etwas schrullig und seltsam sind – allen voran Declan.
Ein klein wenig, aber wirklich nur ein kleines bisschen hinkt dem die Geschichte manchmal hinterher, die zwischendrin etwas stecken bleibt und erst nach der Hälfte des Buches wieder aufregender wird, sich am Ende fast zu einem kleinen Krimi entwickelt. Doch das ändert nichts daran, dass „Ein reiner Schrei“ ein tolles und stimmiges Buch ist, das den Leser in die Enge eines Dorfes in Irland versetzt.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Siobhan Dowds erstes Buch ist ziemlich anspruchsvoll – sprachlich nicht immer leicht zu lesen und inhaltlich keine leichte Kost. Unterm Strich würde ich sagen, dass es fast eher ein Buch für Erwachsene als für Jugendliche ist (von daher auch meine Altersempfehlung: ab 15/16 Jahren) – aber warum sollen Jugendliche nicht auch mal etwas Anspruchsvolles lesen? Doch das ändert nichts daran, dass Siobhan Dowd ein packender Roman gelungen ist, der das harte Leben eines Mädchens in Irland vor gut 20 Jahren feinfühlig beschreibt. Über die Sprache wie über die Beschreibung der Figuren kann man immer wieder nur staunen.
Auch wenn „Ein reiner Schrei“ die schwierige Situation eines Mädchens im etwas trostlosen Irland beschreibt, so ist es trotzdem ein Mutmach-Buch – denn es zeigt, wie Shell trotz der widrigen Umstände langsam zu sich selbst findet.

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(Ulf Cronenberg, 04.02.2007)

Kommentare (0)

  1. Tabea (13)

    Die Buchbesprechung ist schon etwas älter, aber falls Sie das trotzdem noch lesen, würde es mich interessieren, ob Sie auch die anderen Bücher der Autorin, die ja nun leider vor 5 Jahren gestorben ist, gelesen haben (ich meine „Anfang und Ende allen Kummers ist dieser Ort“, was mir wirklich gut gefallen hat, „Auf der anderen Seite des Meeres“ und „Der Junge, der sich in Luft auflöste“). Falls nicht, sollten Sie es tun, es sind wirklich gute Romane.

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    1. Ulf Cronenberg

      Tabea, ich habe die anderen Bücher leider nicht gelesen und sollte es tun. Aber ich tu mich angesichts neuer Bücherstapel wirklich schwer, ältere Bücher auch noch zu lesen … Ich kapituliere angesichts der vielen Neuerscheinungen im Jugendbuch (und tolle Bücher für Erwachsene gibt es ja auch noch).

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