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Buchbesprechung: Joyce Carol Oates "Sexy"

Cover OatesLesealter 13+(Hanser-Verlag 2006, 204 Seiten)

Die amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates hat sich in den letzten Jahren auch als Jugendbuch-Autorin einen Namen gemacht – und so wurden zwei ihrer Bücher („Unter Verdacht“ und „Mit offenen Augen„) auch hier bereits besprochen. Das Interessante an Joyce Carol Oates ist, dass sie schon seit Jahrzehnten Bücher schreibt – allerdings für ein erwachsenes Publikum -, mit dem Schreiben von Jugendbüchern jedoch erst begonnen hat, als sie 64 Jahre alt war (also vor fünf bis sechs Jahren).
In Oates‘ Jugendromanen ging es bisher immer um Gewalt – und zwar eher um die subtilen Formen als um körperliche Gewalt. Das ist auch bei „Sexy“ nicht anders, auch wenn der Buchtitel einen zunächst ein bisschen irreführt…

Inhalt:

Darren ist ein gut aussehender Junge, dem viele Mädchen hinterher schauen und auf dessen Aussehen einige Jungen neidisch sind. Und dennoch ist Darren, auch wenn andere seine Nähe suchen, ein eher zurückgezogener und vor allem schüchterner Junge. Dies gilt insbesondere auch für die Sport-Wettkämpfe, an denen er teilnimmt: Darren ist einer der besten Schwimmer und Turmspringer in der Schulmannschaft, doch während der Wettkämpfe ist er sehr aufgeregt und zweifelt ständig an seinen Fähigkeiten.
In der Schule tut sich Darren schwer, für seine durchschnittlichen Noten muss er einiges tun. Vor allem einer seiner Lehrer: Mr. Tracy, der Englisch unterrichtet, macht Darren jedoch immer wieder Mut. Doch dass Mr. Tracy Darren ermutigt, scheint nicht nur berufliche Gründe zu haben, wie Darren erfährt, als Mr. Tracy ihn eines Abends bei schlechtem Wetter mit dem Auto nach Hause fährt:
Vorsichtig nähert sich der Lehrer Darren, macht ihm Komplimente, und so langsam wird Darren während der Fahrt klar, dass sein Englischlehrer ihn bewundert und attraktiv findet, weil er homosexuell ist. Noch während der Fahrt möchte Darren am liebsten sofort aus dem Auto steigen – auch als Mr. Tracy, der Darrens Widerwillen spürt, sich für seine schüchternen Annäherungsversuche entschuldigt. Darren ist die Sache mehr als peinlich, auch wenn nichts weiter passiert ist und Mr. Tracy nichts getan, sondern nur etwas angedeutet hat. In der Schule lässt sich Darren kurz darauf in einen anderen Kurs versetzen und geht seinem bisherigen Englischlehrer aus dem Weg.
Irgendwie scheinen Darrens Freunde auch mitbekommen zu haben, dass Mr. Tracy homosexuell ist, und sie beschließen, den Lehrer deswegen zu schikanieren. So spielen sie der Schulleitung erfundene Geschichten über Schüler zu, die Mr. Tracy angeblich verführt haben soll. Der Englischlehrer wird daraufhin – zunächst vorübergehend – vom Dienst suspendiert. Mr. Tracy weiß sich nicht zu helfen und bittet Darren, dass dieser für ihn eintritt und der Schulleitung klar macht, dass er Schülern gegenüber nie aufdringlich geworden ist. Doch Darren weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Eigentlich will er mit Mr. Tracy nichts mehr zu tun haben, außerdem stecken ja seine Freunde, die er nicht verpetzen will, hinter den erfundenen Beschuldigungen…

Bewertung:

Auch in Joyce Carol Oates‘ drittem Jugendroman geht es – wie oben schon angedeutet – um subtile Gewalt, die Menschen einander antun. Immer wieder taucht in Oates‘ Büchern die Frage auf, warum Menschen anderen gegenüber gewalttätig auftreten, warum sie Dinge tun, von denen sie eigentlich wissen, dass sie anderen schaden. Die Geschichte um Darren ist so faszinierend, weil sie den Leser auf besondere Art und Weise mit Fragen konfrontiert, wie: Warum verhält sich Darren so? Und warum mobben seine Freunde den homosexuellen Englischlehrer?
Joyce Carol Oates gibt auf diese Fragen keine Antworten – sie ist eher eine Berichterstatterin, die diese Fragen stellt, sie aufwirft, Hintergründe schildert, den Menschen auf die Finger schaut, jedoch nichts bewertet oder gar Antworten gibt.
Dass dies in „Sexy“ so gut gelungen ist, liegt daran, dass die Figur Darrens genau beleuchtet und gezeichnet wird. Joyce Carol Oates beschreibt detailliert, was in dem Jungen vorgeht, was er denkt und wie er fühlt. Darren ist als Figur so interessant, weil er eine Mischung aus gutem Aussehen und Schüchternheit mit sich bringt, die ihn sympathisch und zu einem einfühlsamen Menschen macht. Sein gutes Aussehen ist ihm nicht zu Kopf gestiegen.
Besonders fesselnd ist übrigens – ich mag Bücher, die nicht voraussehbar enden – die Wendung am Ende des Buches – aber darüber sei, um nichts vorwegzunehmen, geschwiegen. Jedenfalls bringt der Schluss den Leser zum Nachdenken darüber, wie Darrens Leben wohl weitergehen könnte.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Man kann froh sein, dass sich Joyce Carol Oates dem Schreiben von Jugendbüchern zugewendet hat. Hat ihr erstes Buch „Unter Verdacht“ noch einige Schwächen gehabt, so ist die amerikanische Schriftstellerin inzwischen dabei, außergewöhnliche Jugendromane zu schreiben. Oates‘ Grundthema – die zwischenmenschliche psychische Gewalt – wird von der Autorin in einfühlsame Geschichten gepackt, die es einerseits Spaß macht zu lesen, die andererseits aber auch wichtige und unbequeme Fragen aufwerfen. Dabei gelingt es Joyce Carol Oates immer, diese Fragen nicht zu aufdringlich zu stellen, so dass der Spaß an der Geschichte trotzdem im Vordergrund bleiben kann. (ab 13/14 Jahren)

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(Ulf Cronenberg, 05.10.2006)

Lektüretipp für Lehrer!

Darren ist ein gut aussehender, aber schüchterner Junge, der auf die Probe gestellt wird, als er für einen homosexuellen Lehrer an seiner Schule eintreten soll, als dieser ungerechtfertigten Beschuldigungen ausgesetzt ist.
„Sexy“ eignet sich durchaus als Lektüre für eine 9. Klasse, weil man damit hervorrragend mit Jugendlichen über Themen wie Zivilcourage, Gruppendruck und die eigene Zukunft sprechen kann. Allerdings ist Oates‘ Jugendroman eher ein Buch für stillere und sensiblere Klassen, denn die Geschichte ist nur im zwischenmenschlichen Bereich, weniger in Bezug auf die äußere Handlung spannend.

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