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Buchbesprechung: Frank Cottrell Boyce "Meisterwerk"

Cover BoyceLesealter 11+(Carlsen-Verlag 2006, 318 Seiten)

Mit dem vor knapp zwei Jahren erschienenen Jugendbuch „Millionen“ hat der englische Schriftsteller Frank Cottrell Boyce sich in das Herz vieler Jugendbuchleser geschrieben – die ZEIT meinte sogar, dass es das beste Jugendbuch des Jahres 2004 sei und verlieh Boyce dafür den Luchs des Jahres. Ich war wohl einer der wenigen, die nicht ganz so begeistert von „Millionen“ war… Das war auch der Grund, warum ich Boyces neues Buch erst einmal ein bisschen auf meinem Lesetisch liegen ließ…

Inhalt:

Dylan lebt mit seiner Familie in Manod, einem verschlafenen kleinen Städtchen, für das es nicht mal ein Ortsschild gibt, seit es von einem Eiertransporter umgefahren wurde. Die Hughes – das sind außer Dylan: seine Eltern, Minnie und Marie, seine Schwestern, sowie Max, sein kleiner Bruder – unterhalten in Manod die Snowdonia KFZ-Oase, eine Tankstelle und Autoreparaturwerkstätte. Doch so richtig gut geht das Geschäft nicht – und die Hughes haben große Geldsorgen.
Das verträumte Städtchen Manod wird eines Tages aufgeweckt, weil sich etwas Ungewöhnliches tut. Eine große Kolone von Transportern kommt an der Snowdonia KFZ-Oase, die eigentlich am Ende einer Sackgasse liegt, vorbei und fährt durch das sonst verschlossene Tor zu dem Berg, der hinter Manod liegt. Dort gab es früher ein Bergwerk, das jedoch seit mehreren Jahrzehnten geschlossen ist.
Die Einwohner Manods wundern sich, was die Männer mit ihren Transportern wohl auf dem Berg machen – viele vermuten, dass da wohl krumme Dinge gedreht werden. Es ist schließlich Dylan, der erfährt, was dort vor sich geht – denn Mr Lester, der verantwortliche Mann, knüpft Kontakt zu Dylan. Die National Gallery aus London hat einige ihrer wertvollsten Gemälde ausgelagert und sie im alten Bergwerk zwischengelagert. Manod wurde dafür wohl ausgewählt, weil niemand die Stadt kennt und man somit die Bilder sicher wähnt (wenn man sich da mal nicht getäuscht hat :-).
Doch das Leben in Manod ist nach Ankunft der fremden Männer nicht mehr das gleiche… Nicht nur, dass die Snowdonia KFZ-Oase nicht mehr genug Geld hat, um ihr Benzin vorfinanzieren zu können… Dann verschwindet eines Tages auch noch Dylans Vater spurlos. Und auch sonst passieren Dinge in Manod, die vorher nicht denkbar waren…

Bewertung:

Genauso wie „Millionen“ ist „Meisterwerk“ ein äußerst skurriles und seltsames Buch, das keine normale Geschichte erzählt, sondern in dem viele wundersame Dinge passieren. Hat mich bei „Millionen“ der ganze Trubel um die Heiligen eher etwas genervt, so ist das diesmal mit den Gemälden und Autos (beides spielt in dem Buch eine wichtige Rolle) ganz anders. Von Anfang an ging es mir so, dass ich immer wieder gestaunt habe, was Frank Cottrell Boyce da für eine Geschichte erfunden hat – eine Geschichte, in der er wie ein Hase Hunderte von Haken schlägt. Da verschwindet ein roter Mini-Cooper spurlos aus der KFZ-Oase (und ja, irgendwann taucht er auch wieder auf, an einer Stelle, wo ihn nun wirklich niemand vermutet hat). Oder der miesepetrige Metzger behauptet, dass rohe Leber lebe, weil sie sich auf dem Teller noch fortbewege… Es stecken lauter absurde Einfälle in dem Buch, die das Lesen nie langweilig werden lassen.
Das Besondere an dem Buch sind außerdem die Personen. Dylan zum Beispiel ist ein manchmal so naiver Junge – ein kleiner Simplizissimus -, der an alles ganz unbedarft herangeht und damit die Leute zu verzaubern versteht. In allem Schlimmen, was um ihn herum passiert, kann er immer noch das Gute und Positive sehen. Oder Marie: In ihrer Person wird die Pubertät eines Mädchens einfach so liebevoll und zugleich einfühlsam auf die Spitze getrieben, dass man einfach nur noch lachen muss.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Meisterwerk“ macht seinem Namen alle Ehre, es ist wirklich eines der besten Bücher, die ich im letzten Jahr gelesen habe. Die Leichtigkeit, mit der Frank Cottrell Boyce diese Geschichte erzählt und in der zugleich eine große Nachdenklichkeit und Tiefe steckt, sucht seinesgleichen. Außerdem ist es ein Buch, das einem Mut macht, dass Kleinigkeiten das Leben ins Positive verändern können – auch wenn es oft so aussieht, als hätte man gar nichts mehr zu lachen. Dylan verzaubert mit seiner Naivität nicht nur seine Umwelt, sondern auch uns Leser.
Für dieses Buch kann es nur eine Empfehlung geben: Kaufen und Lesen!
(ab 11/12 Jahren, zum Vorlesen schon früher)

blau.giflila.gifrot.gifgelb.gifgruen.gif

(Ulf Cronenberg, 29.05.2006)

Weitere Meinungen:

Bis zur Hälfte des Buches lebt der Text von den witzigen, kuriosen Details und der plastischen Schreibweise, weniger von der Story. Die Atmosphäre ist der in „Millionen“, dem ersten Buch von Frank C. Boyce, sehr ähnlich; die Hauptpersonen gleichen sich und verkörpern dieselben Typen. Was für Damian die Heiligen waren, sind für Dylan hier die Ninja-Turtles (nie hätte ich gedacht, dass ich einmal so viel Wissen über diese Figurenwelt sammeln würde). Und wieder einmal nimmt der Autor sich eine reale Begebenheit zum Anlass, die er auf einen anderen Ort bzw. eine andere Zeit oder einen anderen Anlass überträgt.
In dieser Geschichte ist nicht alles zum Lachen – so z. B. der Vater, der alles reparieren kann, aber keinen anderen Ausweg als Versicherungsbetrug sieht, oder der Metzger, der seit dem tragischen Unfall seines Sohnes nur noch Verschwörungstheorien verbreitet, die Mutter, die nicht nur sehr beschäftigt mit dem kleinsten Kind ist, sondern auch an Depressionen leidet –, und auch der Schluss ist meiner Meinung nach nicht sehr geglückt, sondern irgendwie zu lasch und flach. Aber das Buch macht großen Spaß und verbreitet auch einen untrüglichen Optimismus.
Folglich kann man sagen, dass „Meisterwerk“ die Erwartungen an das zweite Buch des Autors voll erfüllt und wieder ein absolutes Meisterwerk geworden ist. Und es bleibt nur noch zu wünschen, dass es auch ein großes Publikum findet, denn „Kunst ist es nur dann, wenn jemand es betrachtet.“

(Iris Henninger)

Lektüretipp für Lehrer!

An diesem Buch stimmt einfach alles – man kann lachen, es hat einen ernsten Hintergrund, es ist virtuos geschrieben – kurz gesagt: Es ist etwas Besonderes.
Ich habe das Buch an zwei Schüler verschenkt, denen es auch gefallen hat… Von daher ist „Meisterwerk“ sicher ein Buch, das man im Deutschunterricht am Ende der 5. Klasse oder in der 6. Klasse lesen kann. Ein Jugendbuch – fernab vom Mainstream, das die Schüler etwas fordern und trotzdem unterhalten dürfte.

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