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Buchbesprechung: Carolyn Coman "Ferne Schwester"

Cover ComanLesealter 13+(Sauerländer-Verlag 2005, 168 Seiten)

Was für eine schönes Buchcover! Wirklich stilvoll – und wenn man den Baum auf dem Buchumschlag etwas genauer anschaut, dann kann bekommt man schon eine Ahnung davon, dass Carolyn Comans Buch etwas mit Afrika zu tun hat…
Die Autorin ist jedoch Amerikanerin, hat schon einige Jugendbücher geschrieben (darunter „In sicherer Ferne“, das auch im Sauerländer-Verlag auf Deutsch erschienen ist) und unterrichtet Jugendliteratur an einem amerikanischen College. Sie sollte das Schreiben guter Jugendbücher also beherrschen…

Inhalt:

Berrys um einige Jahre ältere Schwester Laura, die sich längere Zeit in Südafrika aufgehalten hat und dort im Anti-Apartheidskampf engagiert war, ist vor kurzem in Südafrika ermordet worden. Die ganze Familie ist über den Tod von Laura noch nicht richtig hinweggekommen – auch Berry vermisst ihre Schwester, die für sie immer ein großes Vorbild war, stark.
Zum Gedenken an Lauras Ermordung und auch um ihren Tod besser verarbeiten zu können, hat Berrys Vater, der schon seit vielen Jahren von der Familie getrennt lebt, einen großen Schwimmmarathon organisiert, dessen Erlöse dafür verwendet werden sollen, in Südafrika ein Denkmal für Laura zu finanzieren. Er plant eine Reise nach Südafrika, um das Geld zu überbringen, und Berry soll ihren Vater nach Südafrika begleiten.
Doch die Reise ins Land von Nelson Mandela entpuppt sich als nicht ganz einfach für Berry. Nicht nur, dass sie mit ihrem Vater viele Konflikte austrägt, sondern auch dass beide wie Touristen das Land bereisen, ist für Berry eine Zumutung. Ihr kommt das unangemessen vor – vor allem als sie Seweto, das Armenviertel von Johannesburg, der größten Stadt in Südafrika, besuchen. Es beschämt Berry, als reiche amerikanische Touristin das Armenviertel zu besichtigen. Zugleich bewundert Berry, mit welchem Stolz die Armen unter den schwierigen Verhältnissen leben und wie sie damit umgehen, über Jahrzehnte hinweg von der Regierung verfolgt und unterdrückt worden zu sein.
Doch das Schwierigste steht Berry noch bevor – ihr Vater möchte, dass seine Tochter bei der Enthüllung von Lauras Denkmal auch ein paar Worte sagen soll… – was sie sich überhaupt nicht vorstellen kann.

Bewertung:

„Ferne Schwester“ ist gerade zu Beginn ein beeindruckendes Buch, in dem sehr genau die Gefühle von Berry, die über den Tod der großen Schwester hinwegzukommen versucht, geschildert werden. Dass Berry angesichts des Todes ihrer Schwester mit dem Leben nicht mehr gut zurecht kommt, alles Bisherige in Frage stellt und nicht weiß, wie sie ihr Leben gestalten soll, geht dem Leser tief unter die Haut.
Ein bisschen verliert sich dann jedoch die Spannung, als Berry mit ihrem Vater nach Südafrika reist. Zwar werden Berrys schwankende Gefühle noch immer sehr genau dargestellt, doch an manchen Stellen wirkt das auf mich etwas übertrieben – vor allem in Bezug auf Berrys Gefühle ihrem Vater gegenüber, mit dem sie sich regelrechte Kämpfe liefert. Auf der anderen Seite ist der Teil des Buches über die Südafrika-Reise sicherlich für viele Leser sehr eindrucksvoll, denn man erfährt viel über Südafrika, die Apartheid (also die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung), die bis 1994 dauerte und erst danach langsam aufgelöst wurde. All das wird nicht etwa schulmeisterlich vermittelt, sondern sehr einfühlsam aus der Perspektive von Berry, die nicht nur Schreckensstätten wie Robben Island (der Gefangeneninsel für schwarze Regimekritiker) besichtigt, sondern auch viele früher unterdrückte Schwarze spricht.
Letztendlich ist „Ferne Schwestern“ insgesamt nicht nur ein Roman über Südafrika, sondern zugleich auch ein Buch darüber, wie ein jugendliches Mädchen über eine Familientragödie hinwegkommt – beides verwebt zu einer über weite Teile packenden Geschichte.

Fazit:

4 von 5 Punkten. Carolyn Comans Buch bietet eine gelungene Mischung aus persönlicher Lebensgeschichte und zeitgeschichtlichem Hintergrund, ohne dass man beim Lesen das Gefühl bekommt, da will einem eine Autorin unbedingt eine politische Botschaft vermitteln. Mir persönlich ist das Ende des Buches jedoch etwas zu schmalzig und dick aufgetragen, auch wenn dieser einen folgerichtigen Schlusspunkt der vorangehenden Geschichte darstellt. Um das etwas zu relativieren: Was das Ende von Büchern angeht, habe ich immer meine ganz eigenen Vorstellungen, die – da habe ich schon öfters mit anderen Jugendbuchlesern drüber gesprochen – etwas anders sind, als die von vielen Jugendlichen. Es sind die Romanschlüsse, wo sich am Ende alle Konflikte und Probleme auflösen, die ich nicht so gerne mag – das Leben funktioniert ja meist auch anders…
Wer diesen Vorbehalt dem Roman-Ende gegenüber nicht mit mir teilt, der wird in „Ferne Schwestern“ sicher ein lesenswertes Buch finden, das wegen der weiblichen Hauptperson und seinem Schreibstil sicherlich eher ein typisches Mädchenbuch (ab 13/14 Jahren) ist.

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(Ulf Cronenberg, 26.01.2006)

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