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Buchbesprechung: Zoran Drvenkar "Die Nacht, in der meine Schwester den Weihnachtsmann entführte"

Cover DrvenkarLesealter 10+(Carlsen-Verlag 2005, 259 Seiten)

Rechtzeitig vor Weihnachten habe ich es geschafft, ein richtiges Weihnachtsbuch zu lesen – und noch dazu von dem Jugendbuchautor, den ich im Moment für den begabtesten unter den deutschen halte: Zoran Drvenkar. Seine Bücher – auch wenn sie vom Inhalt her oft schwer zu verdauen sind – mag ich einfach, weil sie einen so bildreichen Schreibstil haben. Ich war wirklich gespannt, ob und wie Zoran Drvenkar das schwierige Thema „Weihnachten“ meistert – ohne in Kitsch und Rührung wie in einer hohen Schneeböe stecken zu bleiben.

Inhalt:

Weihnachten 1975. Zoran ist acht Jahre alt und zu Hause wartet die Familie (neben der Mutter seine Schwester Susa) auf den Vater, der seit einiger Zeit von der Familie getrennt lebt, aber versprochen hat, der Familie an Weihnachten einen Weihnachtsbaum zu besorgen. Doch je länger die Familie das Kommen des Vaters erhofft, desto klarer wird Zoran, dass sein Vater wohl nicht mehr mit dem Weihnachtsbaum und mit den Geschenken auftauchen wird – hat es doch schon in den letzten Jahren oft mehr schlecht als recht mit dem Besorgen des Weihnachtsbaums geklappt.
Zoran ist einerseits enttäuscht, weil sein Vater nicht vorbeikommt, andererseits hat er sich jedoch schon seit längerem vorgenommen, am Weihnachtsabend von zu Hause zu abzuhauen. Als der Rest der Familie schließlich vom Vater enttäuscht schläft, nimmt er seine Tasche und schleicht sich leise aus dem Haus. Doch ganz so einfach ist das mit dem Abhauen nicht – vor allem, wenn man kaum Geld in der Tasche hat, Schnee liegt und es draußen bitterkalt ist… Nach einer längeren Odyssee trifft Zoran schließlich unter etwas bizarren Umständen sogar noch seinen Vater…
Und so reiht sich Weihnachten an Weihnachten und Geschichte an Geschichte. Wir erfahren unter anderem, wie Zorans Familie am Tag vor Weihnachten völlig ungeplant nach Kroatien reist, um dort Weihnachten zu feiern, wie Zorans Vater, der für Weihnachtsbäume kein Geld ausgeben will, anders zu einem Weihnachtsbaum kommen will und wie der Vater sich auf seine ganz eigene Weise bei der Familie entschuldigt, weil er sie in Stich gelassen hat.

Bewertung:

Zoran Drvenkars Weihnachtsbuch ist etwas ganz Besonderes. Ein Buch von jemandem, der von Weihnachten eigentlich nichts hält (das schreibt der Autor in seinem Nachwort) und deswegen wohl, von allen Zwängen und Klischees befreit, seine autobiografisch angehauchten Weihnachtsgeschichten erzählt. Die Geschichten berichten davon, dass Weihnachten eben nicht in einer heilen Welt stattfindet, dass es in einer brüchigen und verletzlichen Welt aber trotzdem besondere Begegnungen und Erlebnisse gibt, die Spuren hinterlassen. Es ist der Zauber aus Erfundenem und Erlebten (ja, was hat Zoran Drvenkar eigentlich an diesen Weihnachtsabenden wirklich erlebt?), der den Leser ständig über diese Geschichten staunen lässt.
Über den Schreibstil braucht man nicht groß was zu sagen. Zoran Drvenkar formuliert und fabuliert drauf los wie ein Weltmeister, kaum jemand hat so ein Gespür für treffende sprachliche Bilder, die Gefühle und Stimmungen lebendig werden lassen. Da wird selbst die Beschreibung eines Weihnachtsbaummarktes zum Erlebnis: „Und dann natürlich die Bäume selber. Zusammengeschoben wirken sie wie riesige grüne Schafe, die es sich für die Nacht bequem gemacht haben.“ (S.147) Wegen solcher Bilder – man könnte sie hier seitenweise auflisten – liebe ich Zoran Drvenkars Bücher. Da macht auch sein neuestes Buch über Weihnachten keine Ausnahme. Und in den Originalgeschichten wirken diese sprachlichen Bilder noch wesentlich besser, als wenn man hier ein Beispiel anführt…

Fazit:

5 von 5 Punkten. Wer noch eine Vorlesebuch für Kinder ab 8 oder 9 Jahre für Weihnachten sucht und über die üblichen kitschigen Verdächtigen nicht hinaus kommt, sollte es mit Zoran Drvenkars Weihnachtsbuch versuchen. Ehrlicher kann man sich dem Thema Weihnachten nicht nähern als mit dieser Melange (Mischung) aus Erfundenem und Erlebten. Ständig fragt man sich beim Lesen, ob es Eli, Karim, Susa etc. eigentlich wirklich gibt (wenn auch vielleicht unter anderem Namen) und ob Zoran Drvenkar das wirklich erlebt hat. Nun, wenn das alles nicht wirklich so passiert ist, dann ist es zumindest gut, dass es so erfunden und aufgeschrieben wurde. Von einem Mini-Hänger bei der zweiten Geschichte abgesehen (aber da mag auch meine Leseverfassung in dem Moment dran Schuld gewesen sein) ist „Die Nacht, in der meine Schwester den Weihnachtsmann entführte“ einfach ein tolles Buch.
Dieses Buch definiert den Begriff „Weihnachtsgeschichten“ neu – da wird wohl lange niemand mehr hinkommen. So melancholisch und gleichzeitig hoffnungsvoll hat meiner Meinung nach seit Wolfgang Borchert niemand mehr über Weihnachten geschrieben.

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(Ulf Cronenberg, 13.12.2005)

Lektüretipp für Lehrer!

Wer ein tolles Weihnachtsbuch mit Geschichten zum Vorlesen in der 5. oder 6. Klasse sucht, ist hier genau richtig. Manche der Geschichten sind etwas länger, andere etwas kürzer – so kann man, je nach vorhandener Zeit, die richtige Geschichte auswählen.
Zoran Drvenkar zeigt sich sprachlich wie immer von seiner besten Seite, das Besondere an den Geschichten ist, dass sie nicht im Kitsch versinken. Weihnachten wird hier eher aus dem Alltag mit all seinen Problemen beschrieben, doch dabei kommt das Besondere dieses Festes nicht zu kurz. Durch die Darstellung der schwierigen Familienverhältnisse, die in den Geschichten deutlich werden, lässt sich mit den Schülern auch gut über Weihnachten diskutieren. Und letztendlich schimmert trotz aller Probleme bei den Geschichten immer auch eine Weihnachtsstimmung durch.

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