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Buchbesprechung: Mats Wahl "Schwedisch für Idioten"

Cover WahlLesealter 15+(Nagel und Kimche-Verlag 2005, 334 Seiten)

Ich glaube, ich habe alle Bücher von Mats Wahl gelesen, die auf Deutsch erschienen sind – und das sind einige. Angefangen hat es mit „Winterbucht“, dem Buch, mit dem der schwedische Jugendbuchautor in Deutschland bekannt wurde und das vor 10 Jahren erschienen ist. Für „Winterbucht“ hat Mats Wahl damals auch den Deutschen Jugendliteraturpreis bekommen – sicherlich zu Recht.
Mats Wahl ist ein Vielschreiber – da bleibt es nicht aus, dass unter seinen Büchern geniale, aber auch nicht ganz so gute Bücher sind. Aber im Großen und Ganzen schreibt er einfach packende Jugendbücher, deren Stil mir gefällt. Sein neuestes Werk „Schwedisch für Idioten“ konnte also nicht lange ungelesen auf meinem Lesetisch liegen bleiben…

Inhalt:

Henke und sein bester Freund Kosken gehen auf eine Gesamtschule in die erste Oberstufenklasse. Ihre Klasse gehört zu den schlechtesten der Schule und wird deswegen „Idiotenklasse“ genannt. Henke war früher eigentlich ein guter Schüler, doch als vor einigen Jahren seine kleine Schwester Anni bei einem Unglück ertrunken ist, sanken seine Schulleistungen stark ab. Und auch seine Mutter (den eigenen Vater kennt er gar nicht) kriegt gar nichts mehr auf die Reihe – sie liegt depressiv den Großteil des Tages im Bett und raucht eine Zigarette nach der anderen.
Zum Schuljahresbeginn bekommt Henkes Klasse eine neue Schwedischlehrerin: Frau Persson. Die Schüler der Klasse sind perplex, als die neue Lehrkraft ihnen vorschlägt, dass sie gemeinsam ein Buch schreiben könnten. So etwas hat sich noch niemand in dieser Klasse getraut – und entsprechend skeptisch sind die Schüler. Als sie sich gemeinsam mit der Lehrerin einen Buchtitel überlegen, schlägt eine Schülerin „Schwedisch für Idioten“ vor. Auch wenn dieser Titel von allen akzeptiert wird, so glaubt doch keiner daran, dass die Klasse jemals ein Buch schreiben wird. Doch heimlich greift Henke den Gedanken an das Schreiben eines Buches auf und beginnt Dinge, die ihm im Kopf herumgehen, niederzuschreiben. Schon bald hat er die ersten Kapitel fertig gestellt…
Noch etwas Seltsames passiert in Henkes Leben. Als er für einen Boogie-Woogie-Wettkampf eine Tanzpartnerin sucht, spricht er – über seinen Mut selbst erstaunt – in der Schulkantine ein Mädchen darauf an – und sie sagt ihm zu. Doch Elin, seine neue Tanzpartnerin, ist die Schulbeste und eigentlich kann eine solche Freundschaft mit einem Jungen aus der Idiotenklasse gar nicht gut gehen…

Bewertung:

Mats Wahl hat mal wieder einen seiner typischen Jugendromane geschrieben – das meine ich durchaus positiv, denn nur wenige Autoren können diese Art von Stimmung in einem Buch erzeugen. Es sind die Verlierer in der Gesellschaft, die der schwedische Autor ins Visier nimmt, Jugendliche, die sich durchs raue Leben kämpfen, die nicht ganz aufgeben, obwohl alles um sie herum in Trümmern zu liegen scheint: von den Familienverhältnissen bis hin zu unbegreiflicher und ausufernder Gewalt unter den Jugendlichen. Henke ist so eine Figur: sympathisch trotz seiner manchmal nicht gerade leichten Art, tief in sich drin empfindsam, nach außen hin aber eher ein harter Typ, der sich gefühllos gibt.
„Schwedisch für Idioten“ macht es dem Leser anfangs nicht ganz leicht, in die Geschichte hineinzukommen. Vor allem die Auszüge aus Henkes selbst geschriebenen Buchkapiteln sind etwas gewöhnungsbedürftig (auch mit all den absichtlichen Rechtschreibfehlern darin). Doch nach und nach wird man als Leser immer weiter in die Geschichte hineingezogen, bis man irgendwann gänzlich gefesselt ist: von der sanften Liebesgeschichte zwischen Henke und Elin, die eigentlich gar keine richtige Liebesgeschichte ist, vom Auftauchen von Henkes Vater, von der Familientragödie um Henkes Schwester, die Schritt für Schritt aufgedeckt wird, usw. Aus all diesen Puzzleteilchen ist es Mats Wahl am Ende gelungen, ein einerseits heftiges, andererseits einfühlsames Bild vom Erwachsenwerden in einer gewalttätigen Gesellschaft zu zeichnen, das mich nicht kalt gelassen hat.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Schwedisch für Idioten“ ist nicht Mats Wahls bestes Jugendbuch, aber wieder eines, das dem Leser nicht so schnell aus dem Kopf geht. Wie immer gelingt es Mats Wahl überzeugend die Gedanken und Gefühle von Jugendlichen abzubilden – das macht seine Bücher so glaubwürdig, auch wenn bei der Handlung einiges schon etwas auf die Spitze getrieben wird. Aber genau das macht gute Bücher, in denen es um Probleme von Jugendlichen geht, ja manchmal auch aus: dass sie Krisen der Jugendzeit sinnfällig und eindrücklich abbilden und damit zum Nachdenken anregen. (ab 15 Jahren)

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(Ulf Cronenberg, 19.09.2005)

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