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Buchbesprechung: Mats Wahl "Kill"

Cover WahlLesealter 14+(Hanser-Verlag 2005, 263 Seiten)

Ein gutes Jahr ist es her, dass ich Mats Wahls letzten Krimi mit Kommissar Fors gelesen habe. „Kaltes Schweigen“ spielte im Winter und ich habe es auch im Winter gelesen. Wahls neues Buch „Kill“ dagegen beschreibt einen Mordfall während einer Hitzewelle im Hochsommer – genau das Gegenteil von dem, was wir hier gerade in Deutschland für Wetter haben. Denn seit fast einem Monat ist tiefster Winter mit Schnee und Eis (zumindest hier in Bayern). So einen Winter hat es schon lange nicht mehr gegeben – und das im März, wo man sich eigentlich auf die ersten Frühjahrstage freut. Es ist schon etwas seltsam, in einem Buch immer wieder etwas über die drückende Hitze zu lesen, während draußen der Winter tobt.
Aber das nur am Rande… Wenden wir uns dem Buch zu.

Inhalt:

Kommissar Harald Fors wird nach einem abendlichen Einkauf überfallen, als er aus einem kleinen Laden herausgeht. Von hinten bekommt er einen Schlag auf den Kopf und dann mehrere Tritte gegen seinen Körper. Er hat keine Möglichkeit sich zu wehren, als die Täter ihm seine Brieftasche entwenden. Was aber noch schlimmer ist: Auch seine Dienstwaffe nehmen die Täter mit.
Einige Tage später wird die Polizei in eine Schule gerufen, weil dort Schüsse gefallen sind. Als das Einsatzkommando vor Ort ist, sehen sie, dass zwei Mädchen schwer verletzt im Pausenhof liegen. Im Speisesaal wurden außerdem mehrere Personen angeschossen – darunter ein Junge, der in Lebensgefahr schwebt, und eine Kantinenmitarbeiterin. Die Polizei durchkämmt das Gebäude, doch vom Täter fehlt jede Spur.
Mit den Ermittlungen werden Kommissar Fors und sein Team beauftragt – und das, obwohl Fors wegen des Überfalls – sein Gesicht ist geschwollen und er hat Kopfweh – nicht gerade fit ist. Als die Polizei in der Schule keine Patronenhülsen findet (was ein Hinweis auf bestimmte Waffen ist), befürchtet Fors das Schlimmste: Dass die Tat unter Umständen mit seiner Dienstwaffe begangen wurde. Eine schreckliche Vorstellung für den Kommissar – auch wenn er weiß, dass er bei dem Überfall keine Chance hatte, seine Waffe gegen die Täter zu verteidigen.
Die Ermittlungen sind schwierig – es gibt Vermutungen, dass die Tat ausländerfeindliche Ursachen haben könnte. Aber wer schießt auf unschuldige Kinder? Und warum? Außerdem muss der Überfall auf Fors aufgeklärt werden – auch hier tappt die Polizei im Dunkeln. Die Lage spitzt sich zu, als jemand auf mehrere Wände (auch auf die von Schulen) das Wort „Kill“ sprüht. Die Polizei fürchtet, dass es zu weiteren Bluttaten kommen könnte…

Bewertung:

Mit Fortsetzungsromanen ist das immer so eine Sache – denn neue Bücher werden an den Vorgängern gemessen. Und mit „Kaltes Schweigen“ liegt die Messlatte ziemlich hoch.
Mats Wahls neues Buch hat ein ganz aktuelles Thema – sofort wird man an Erfurt erinnert, wo der Schüler Robert Steinhäuser im Mai 2002 sechzehn Menschen (Lehrer und Schüler) und dann sich selbst tötete. Ähnliche Fälle, bei denen Schüler in der Schule schießen, gibt es immer wieder…
In „Kill“ greift Mats Wahl das Thema einfühlsam und vielschichtig auf. Deutlich ist die Botschaft, dass so etwas nicht passieren darf – es wird genau geschildert, welche unbegreifliches Leid die Tat für die betroffenen Familien bedeutet. Zugleich wird der Täter nicht einfach nur verurteilt, sondern es wird auch gezeigt, wie es zu der Tat kam. Es ist genau diese Gratwanderung zwischen Unverständnis und Einfühlung, die „Kill“ einerseits spannend, andererseits informativ macht. Das Buch ist damit thematisch ein würdiger Nachfolger zu „Kaltes Schweigen“ und „Der Unsichtbare“ – den beiden Büchern, in denen Kommissar Fors bereits ermittelt hat.
In zwei Punkten jedoch kommt „Kill“ nicht an das Vorgänger-Buch heran: Zum einen wirkt das Buch mit seinen verschiedenen Handlungssträngen etwas fahriger – manchmal fehlt ein wenig der rote Faden. Zum anderen übertreibt es Mats Wahl an einigen Stellen etwas mit seiner Kritik an Politik, Gesellschaft und Polizei. Ein bisschen mehr Zürückhaltung hätte in diesem Bereich gut getan.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Trotz der oben genannten Kritikpunkte ist „Kill“ ein gelungenes Buch, das sich flüssig liest und das ein nicht einfaches Thema einfühlsam und vielschichtig behandelt. Mats Wahl schreibt sich mit seinen Büchern langsam in den schwedischen Krimi-Olymp und kann durchaus an Håkan Nesser oder Henning Mankell (meinen schwedischen Lieblingskrimiautoren) gemessen werden. Das Besondere an den Krimis von Mats Wahl ist, dass es immer um jugendliche Täter geht, weswegen seine Bücher auch zu den Jugendbüchern gezählt werden. Aber auch erwachsene Krimifans werden (genauso wie Jugendliche ab 14/15 Jahren) an diesem Buch gefallen finden.

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(Ulf Cronenberg, 13.03.2005)

Lektüretipp für Lehrer!

Wer das Thema Amoklauf aufgreifen will, liegt mit diesem Buch genau richtig. „Kill“ handelt davon, dass in einer schwedischen Schule geschossen wird; mehrere Kinder werden schwer verwundet bzw. getötet. Kommissar Fors und sein Team suchen den Mörder und fragen sich, wer auf unschuldige Kinder schießt.
Das Buch ist deswegen besonders für die Schule geeignet, weil es nicht platt nur Stereotypen bedient, sondern genau die Hintergründe für eine solche Tat auslotet, ohne die Unbegreiflichkeit eines Amoklaufs auszublenden.

Weitere Meinungen:

Assoziationen mit Littleton, Erfurt, Emsdetten kommen beim Lesen dieses Buches auf. In der im Buch beschriebenen Pressekonferenz wird die Problematik mit all ihren Nebenerscheinungen konzentriert zur Sprache gebracht: Wie soll mit jugendlichen Straftätern verfahren werden? Wie kann die Polizei die Gesellschaft vor solchen Vorkommnissen schützen? Wie können Gesellschaft, Schule, Familie von vornherein solchen Entwicklungen entgegenwirken? Alles Fragen, auf die schwer eine pauschale Antwort gefunden werden kann, und das nicht nur in Schweden.
Mats Wahl hat hier einen sehr spannenden und brisanten Krimi vorgelegt, dessen Ende nicht voraussehbar, aber dennoch nicht völlig überraschend ist. Gut gefallen haben mir die Wetteranalogien, die für meine eigene Lesesituation im Münchner Hochsommer mehr als passend waren: In der heißen Ermittlungsphase leidet ganz Stockholm unter einer Hitzewelle, gegen Ende, als sich der schlimme Verdacht mehr und mehr verdichtet, ziehen schwere Gewitterwolken auf.
Mir persönlich hat „Kill“ noch besser gefallen als „Kaltes Schweigen“. Ich würde es daher sofort als Lektüre, privat oder in der Schule, für Jugendliche und Erwachsene weiterempfehlen. Das Buch hinterlässt auf jeden Fall einen nachhaltigen Eindruck.

(Iris Henninger)

Kommentare (0)

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  2. Birgit V.

    Ich fand das Buch gut zu lesen; die Geschichte war spannend und ich mag den Schreibstil von Mats Wahl. Amok ist immer ein aktuelles und packendes Thema. Sehr lesenswert!

    Antworten

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