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Buchbesprechung: Livi Michael "Die flüsternde Straße"

Cover MichaelLesealter 10+(Carlsen-Verlag 2005, 504 Seiten)

Ein interessanter Titel, ein hübsches Buchcover und eine unbekannte Autorin. So bin ich auf diese Neuerscheinung im Carlsen-Verlag gestoßen. Der Buchumschlag kündigt einen historischen Roman an, der im beginnenden Industriezeitalter spielt. Wer bei Jugendbuchtipps.de öfter in den Buchbesprechungen herumstöbert, weiß ja inzwischen, dass ich nicht zu den großen Fans historischer Jugendbücher gehöre – aber trotzdem schnuppere ich immer mal wieder auch in dieses Genre hinein, wenn die Vorankündigung auf dem Buchumschlag viel versprechend klingt.

Inhalt:

England zu Beginn des 19. Jahrhundert – die Industrialisierung beginnt in großen Städten wie Manchester gerade. Joe und Annie wurden in jungen Jahren von ihrer Mutter in einem Armenhaus abgegeben, da sie nach dem Tod ihres Mannes die beiden nicht mehr versorgen konnte. Zwar verspricht sie den beiden Kindern, dass sie sie wieder abholen wird, wenn sie einen guten Job gefunden hat, doch nachdem ihre Mutter sehr lange Zeit nicht aufgetaucht ist, werden die beiden Kinder – inzwischen über 10 Jahre alt – an einen Bauernhof weitergegeben. Dort müssen sie Schwerstarbeit verrichten, werden zwar versorgt, aber schlecht behandelt. So beschließen Joe und Annie schließlich von dem Hof zu fliehen – was jedoch leichter gesagt als getan ist. Doch mit einigem Glück gelingt ihnen in einer kalten Winternacht schließlich die Flucht – allerdings stehen die beiden Kinder mittellos auf der Straße. Doch erneut haben sie Glück, denn sie begegnen Travis, einem herumziehenden Mann, der vom Fallenstellen und Fellverkauf lebt. Er hilft Joe und Annie, die nächsten Tage zu überleben, bevor sich ihre Wege wieder trennen.
Joe ist sehr besorgt um seine Schwester, denn Annie verhält sich immer wieder recht seltsam. Manchmal ist sie gar nicht mehr ansprechbar und sie faselt seltsame Dinge. So wird Annie für Joe und sein Ziel, ihre Mutter zu finden, immer mehr zu einer Last. Nur das Versprechen seiner Mutter gegenüber, dass er auf Annie aufpassen wird, hält ihn davon ab, sich von Annie davonzustehlen.
Als Joe und Annie sich näch längerem Herumirren einer Schaustellergruppe anschließen, erhält Joe eine Chance, Annie zurückzulassen – denn der Anführer der Schausteller möchte Annie behalten, da diese in die Zukunft und Vergangenheit schauen zu können scheint… Joe ergreift trotz Gewissensbissen die Gelegenheit, stiehlt sich eines Nachts davon und lässt Annie bei der Schaustellergruppe zurück. Doch sein Leben wird dadurch nicht leichter, denn er muss sich fortan allein in der großen Stadt Manchester, wo er nach kurzer Zeit ankommt, durchschlagen. Und in der Stadt lauern viele Gefahren auf ihn…

Bewertung:

„Die flüsternde Straße“ ist eigentlich kein reiner historischer Roman, sondern erinnnert teilweise an ein Märchen – und da natürlich wegen der beiden verlassenen Kinder an „Hänsel und Gretel“. Vor allem die Elemente des historischen Romans geben dem Buch – gerade gegen Ende – eine gewisse Spannung: Man will wissen, wie sich Joe durch das harte Stadtleben schlägt und ob er seine Schwester und seine Mutter wieder findet. Nebenbei erfährt man auch einiges Interessante und Wissenswerte über das Zeitalter der Industrialisierung.
Jedoch hinterließ das Buch bei mir ich ein wenig das Gefühl, dass die Autorin sich nicht so recht entscheiden konnte, was sie da nun schreiben will: einen historisch sauber recherchierten Roman (das ist „Die flüsternde Straße“ in Teilen ja durchaus) oder ein Märchen-/Fantasy-Buch. Es ist vor allem eine Passage in dem Buch, die das Bild vom historischen Roman stört: Als Joe und Annie kurz nach der Trennung von Travis in einen Wald gehen und dort der so genannten Hundsfrau – einem ehemaligen Engel – begegnen. Nun, es ist ja durchaus legitim, wenn man Elemente aus einem historischen Roman mit denen aus Märchen mischt; jedoch ist es letztendlich so, dass die Märchenelemente so richtig nur an dieser einen Stelle auftauchen und fortan kaum noch vorhanden sind. Und das ist dann doch etwas zu wenig für einen gelungenen Mix aus Geschichts- und Fantasyroman.

Fazit:

3 von 5 Punkten. „Die flüsternde Straße“ ist kein schlechtes Buch und wird sicher seine Leser finden. Doch mich persönlich hat gestört, dass sich die Autorin nicht so richtig dafür entscheidet, ob dies eher ein historischer Roman oder eher ein Märchen ist. Ansonsten erzählt Livi Michael die Geschichte im Großen und Ganzen mitreißend – das Buch liest sich gut und trotz seiner 500 Seiten schnell.
Auch wenn ich einige Kritik an dem Buch geübt habe, so sollten Fans von geschichtlichen Jugendbuchthemen (ab 10 Jahren) auch bei diesem Buch zugreifen, denn Joe und Annie, aber auch viele andere Personen in dem Buch sind, sind gut beschrieben und machen die Geschichte lebendig und spannend.

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(Ulf Cronenberg, 20.08.2005)

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