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Buchbesprechung: Julie Bertagna "New Mundo"

Cover BertagnaLesealter 11+(Arena-Verlag 2004, 347 Seiten)

„New Mundo“ ist kein ganz neues Buch mehr, sondern schon vor einem Jahr erschienen. Doch ist es mir erst jetzt aufgefallen – und da ich gute Science-Fiction-Bücher liebe, wollte ich es testen.
Zuerst dachte ich ja, dass die Autorin Italienerin ist, weil der Nachname so italienisch klingt. Aber weit gefehlt. Julie Bertagna ist Engländerin und schreibt seit mehreren Jahren als freie Schrifstellerin Kinder- und Jugendbücher (vorher war sie u.a. Lehrerin). Jedoch ist bisher keines ihrer anderen Bücher auf Deutsch erschienen.

Inhalt:

Mara lebt am Ende des 21. Jahrhunderts auf der Insel Wing, die völlig isoliert im nördlichen Atlantik liegt. Seit mehreren Jahrzehnten wird die Insel immer kleiner, denn der Meeresspiegel steigt aufgrund des schmelzenden Polareises immer weiter an. Schon hat das Meer die unteren Teile des Dorfes, das auf einem Hügel der Insel liegt, vereinnahmt – und bei jeder der häufigen Sturmfluten, werden weitere Häuser hinweggespült. Die Bewohner der Insel sind einerseits verzweifelt, weil die Insel bald ganz vom Erdboden verschwunden sein könnte, andererseits ergeben sie sich klaglos in ihr Schicksal. Sie hoffen naiv darauf, dass das Steigen des Meeresspiegels bald aufhört, anstatt nach Lösungen zu suchen. Es ist letztendlich nur der älteste Mann des Dorfes, Tain, der die Inselbewohner wachrütteln will – doch seine mahnenden Worte finden so gut wie kein Gehör. Außer bei Mara…
Mara ahnt, dass die Bewohner die Insel bald verlassen müssen, und mit ihrem Cyberwizz (einer Art Laptop mit 3D-Brille) forscht sie im Web nach Möglichkeiten für die Bewohner. Sie stößt bald auf etwas Interessantes: Angeblich gibt es große moderne Städte, die auf Pfeilern über dem Meer gebaut wurden. Eine dieser Stadt nennt sich New Mundo. Doch die Bewohner von Wing glauben Mara kein Wort – sie halten die Informationen über solche Städte für Gerüchte und Legenden. Doch Mara gibt nicht auf – es gelingt ihr zunächst den alten Tain, dann ihre Eltern und schließlich auch viele andere Dorfmitglieder von der Existenz der Meeresstädte zu überzeugen. Als ein weiterer schlimmer Sturm die Insel verwüstet, beschließen die Dorfbewohner in kleinen Booten aufzubrechen, um nach New Mundo, das nördlich von ihnen liegen soll, zu fliehen.
Dem Boot von Mara gelingt es wirklich, New Mundo zu erreichen, doch müssen die Flüchtlinge feststellen, dass sie nicht in die Stadt hineingelassen werden. Sie müssen (genauso wie Hunderte von anderen Bootsflüchtlingen) auf ihrem Boot vor der riesigen Stadtmauer verharren, bedroht von Hunger und Durst. Denn die Stadtpolizei lässt niemanden in die Stadt hinein. Doch Mara will nicht aufgeben: Sie sucht nach einem Weg, alleine in die Stadt zu kommen, um dann ihre Landsleute retten zu können…

Bewertung:

Der Inhalt von „New Mundo“ auf dem Klappentext klang eigentlich recht interessant, doch war ich zu Beginn von Julie Bertagnas Buch eher enttäuscht. Bis zum Eintreffen von Mara in New Mundo (und bis dahin liest man fast zwei Drittel des Buches) erzählt das Buch eher eine Fantasy- als eine richtige Science-fiction-Geschichte. Und so richtig kommt die Geschichte lange auch nicht in Fahrt. Erst als Mara schließlich New Mundo betritt (man ahnt ja nach der obigen Inhaltszusammenfassung, dass Mara dies gelingen wird), wird die Geschichte etwas spannender – nicht zuletzt, weil man hier ein wenig genauer erahnen kann, welche Zukunftsvorstellung die Autorin vom Ende des 21. Jahrhunderts hat.
Was mich während des ganzen Buchs immer etwas gestört hat, war zwischen den Zeilen ein versteckter, aber dennoch spürbarer erhobener Zeigefinger. Nicht, dass ich etwas gegen Gesellschaftskritik habe – im Gegenteil. Aber wenn unsere heutigen Verhältnisse so überdeutlich in einem Buch gespiegelt werden (Zweiklassengesellschaft, Flüchtlingsboote, etc.), dann ist selbst mir das etwas zu viel des Guten. Ob das Szenario des Versinkens aller Länder durch das Schmelzen der Eismassen so überhaupt eintreten könnte, frage ich mich darüber hinaus auch (dazu am Ende der Buchbesprechung noch etwas mehr).
Sehr gewöhnungsbedürftig fand ich im Übrigen den Schreibstil in dem Buch. Es ist vor allem das Präsens (die Gegenwartsform), in dem die Autorin das ganze Buch geschrieben hat, an das ich mich zwar nach und nach gewöhnt habe, das jedoch trotzdem insgesamt den Lesefluss eher bremst.

Fazit:

2-einhalb von 5 Punkten. „New Mundo“ ist eine ganz nett erzählte Geschichte, die jedoch weder inhaltlich noch in Bezug auf das Schriftstellerische sonderlich Aufregendes bietet. Es ist Julie Bertagna nicht gelungen, die an sich gut Idee, sich mit der Klimaerwärmung und ihren Folgen auseinander zu setzen, in eine richtig spannende und glaubhafte Geschichte zu verpacken. Schade! Man hätte wesentlich mehr aus dem Thema machen können… (ab 11 Jahren)

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(Ulf Cronenberg, 30.10.2005)

P.S.: Um noch einmal etwas zum Thema Anstieg des Meeresspiegels durch Schmelzen des Polareises hinzuzufügen: Die Stadt Würzburg z.B. liegt 208 Meter über dem Meeresspiegel – andere Städte in Süddeutschland liegen deutlich höher. Kann der Meeresspiegel durch schmelzendes Eis wirklich so ansteigen, dass auch solche Städte bedroht sind?
Wer im Übrigen ein wenig Hintergrundinformationen zum Thema „Erderwärmung“ sucht, kann in einem Wikipedia-Artikel (hier) einiges nachlesen.

Weitere Meinungen:

„New Mundo“ ist eine Science-Fiction-Geschichte von allergrößter und erschreckender Aktualität, wenn wir auf die Flutkatastrophe in Südostasien blicken, das Ozonloch und die Nachrichten über das Abschmelzen von Gletschern.
Maras Mission geht nicht ohne Verluste und moralische Dilemmata ab. So werden viele ethische Fragen aufgeworfen: nach Verhältnismäßigkeit und Angemessenheit, nach Gerechtigkeit, Mut, Verantwortung und Vertrauen – in sich selbst wie in andere. Wie viele Opfer darf es geben, um andere Menschen retten zu können? Ist ein Mord vertretbar, wenn er der übergeordneten, guten Sache dient? Das Buch ist vortrefflich geschrieben und reich an Spannung. Dazu gehört auch, dass die Autorin die Geschichte geschickt enden lässt, bevor das Ziel erreicht ist. So bleibt es jedem überlassen, das Abenteuer selbst weiterzuspinnen. In ihrem Buch vereint Bertagna Zukunftsutopien mit Legenden und Relikten aus der Vergangenheit, die eine wichtige Grundlage für das menschliche Handeln auch in der Zukunft darstellen.

(Iris Henninger)

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