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Buchbesprechung: Robert Cormier "Tödliche Experimente"

Cover CormierLesealter 15+(C. Bertelsmann Taschenbuch Verlag 2004, 288 Seiten)

Was hat Robert Cormier nicht für tolle Bücher geschrieben! Wenn ich seinen Namen lese, denke ich sofort an „Heroes“ und an „Das Verhör“, wobei ich das erste der beiden Bücher mal wieder lesen und dann hier besprechen sollte – denn nur über das zweitgenannte Buch habe ich bisher eine Rezension geschrieben (nämlich hier). Das sind beide nicht sehr lange, aber dafür unheimlich dichte Jugendbücher, deren Besonderheit darin liegt, dass sie psychologisch raffiniert und unübertroffen genau die Abgründe ihrer Hauptfiguren ausloten. Nicht jedem gefällt das; denn Cormiers Bücher sind immer auch etwas dunkel.
„Tödliche Experimente“ hat der inzwischen verstorbene Cormier bereits 1983 geschrieben, wurde auch früher schon mal auf Deutsch unter anderem Titel veröffentlicht, jetzt aber vom Bertelsmann-Verlag neu aufgelegt.

Inhalt:

Barney Snow lebt in einer Klinik, ohne genau zu wissen, wie er dort hingekommen ist. Doch ist das keine normale Klinik: Die Patienten sind alle Jugendliche, die eine unheilbare Krankheit haben und sich bereit erklärt haben, an Experimenten teilzunehmen, die laut Klinikleitung dem Wohle der Menschheit dienen. Komische Gestalten tummeln sich dort: Der unwirsche Mazzo, der meist an medizinischen Schläuchen hängt und einen schlimmer Geruch verbreitet; Allie Roon, der kaum ein zusammenhängendes Wort sprechen kann; und Billy die Niere, wie er genannt wird, der ständig Schmerzen hat und deswegen im Rollstuhl unterwegs ist, sich aber nie beklagt. Barney freundet sich mit ihnen allen an, ohne jedoch so richtig einer von ihnen zu sein – denn als einziger scheint er keine unheilbare Krankheit zu haben, wegen der er in der Klinik ist.
Der Klinikleiter, Dr. Lakendorp, ist ebenso ein seltsamer Mensch – Barney nennt ihn nur den Handymann (was übersetzt so viel heißt wie „Mann für alle Gelegenheiten“ oder „Heimwerker“). Nie zeigt er Gefühle, außerdem weiß Barney bei ihm nie, ob er die Wahrheit sagt, denn alles verpackt der Handyman in verschönernde Begriffe.
Barneys ereignisloses Leben in der Klinik bekommt eine Wendung, als Mazzos Zwillingsschwester Cassie zu Besuch kommt, in die sich Barney sofort verliebt. Er macht große Augen, als Mazzos Schwester ein paar Tage später ausgerechnet ihn, den hässlichen Jungen mit den O-Beinen und dem dünnem Haar, und nicht ihren Bruder besucht. Doch Cassie klärt das bald auf: Sie bittet Barney darum, dass er sie regelmäßig über Mazzos Gesundheitszustand informiert, Mazzo selbst will nämlich mit seiner Schwester nichts zu tun haben. Barney willigt ein, verspricht ihm Cassies Wunsch doch, dass er sie regelmäßig wieder sehen wird. Doch hinter Cassies Interesse verbirgt sich ein anderes Anliegen, von dem Barney nichts weiß… Und Barney selbst erfährt nach und nach mehr über seinen rätselhaften Aufenthalt in der Klinik – denn auch er hat eine schwierige Vergangenheit hinter sich, an die er sich jedoch nicht mehr erinnert.

Bewertung:

Lange habe ich gebraucht, um in diese Buch hineinzukommen – es wirkt gerade am Anfang sehr unzugänglich. Es ging mir z.B. so, dass ich fast 50 Seiten lang nicht bemerkt habe, dass all die Hauptfiguren in dem Buch keine Erwachsenen, sondern Jugendliche sind – wobei ich nicht weiß, ob Cormier das absichtlich offen gelassen hat oder ob ich da etwas überlesen habe. Wie dem auch sei – das zeigt, wie schwer ich mich mit Cormiers Buch am Anfang getan habe. Erst mit dem Auftritt von Mazzos Schwester Cassie hat mich „Tödliche Experimente“ gepackt und habe ich dann beim Lesen nicht locker gelassen.
Mit der Geschichte um Barney und seine Freunde ist Cormier nicht eines seiner besten Bücher gelungen – was „Tödliche Experimente“ fehlt, ist die treffende Kürze, die „Heroes“ und „Das Verhör“ auszeichnen. Zwar spürt man immer wieder die Stärken Cormiers aufleuchten – vor allem, wenn Cassie mit all ihren Widersprüchlichkeiten und Abgründen beschrieben wird -, doch leider ist das nie von Dauer.
„Tödliche Experimente“ hat mich ständig an den Film „Einer flog über Kuckucksnest“ erinnert – einen Film mit Jack Nicholson, in dem dieser als Patient in einer psychiatrischen Klinik einen Aufstand anzettelt, weil er sich nicht an die Regeln halten will. Barney ist (in einer etwas stilleren Version) ein ähnlicher Typ, der sich nicht fügen will. Wie beim Film weht auch durch Robert Cormiers Buch ein gesellschaftskritischer Wind, der sich vor allem gegen die Macht von Ärzten und Psychiatern wendet.
Noch eine kleine Kritik am Rande: Nicht so begeistert bin ich davon, dass der Bertelsmann-Verlag in der Übesetzung keinen anderen Begriff als Handyman für den Doktor gewählt hat. Das mag vor 20 Jahren kein Problem gewesen sein – aber heutzutage denkt man beim Lesen dieses Namens einfach immer an Handys…

Fazit:

4 von 5 Punkten. Die obigen Ausführungen klingen möglicherweise negativer als sie sein sollen. Auch wenn „Tödliche Experimente“ nicht Cormiers bestes Buch ist, so ist es doch durchaus lesenswert und entfaltet seine eigene Spannung und eine klare Botschaft. Irgendwann – nach der erwähnten anfänglichen Durststrecke – hat mich das Buch ja doch noch gepackt… Und in Ansätzen zeigt Cormier auch hier psychologisch genaue Charakterbeschreibungen, die viele seiner Bücher so auszeichnen.
„Tödliche Experimente“ ist keine leichte Kost, weil das Buch dunkel und unzugänglich wirkt, weil darin eine trostlose Welt, in der es nur kleine Hoffnungsschimmer gibt, gezeichnet wird und weil man als Leser nur zu Teilen eine Identifikationsfigur angeboten bekommt. Aber wen das reizt (ab 15 Jahren) – warum auch immer… -, der wird mit einem ungewöhnlichen Roman, der eine ganz besondere Stimmung erzeugt, belohnt.

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(Ulf Cronenberg, 13.02.2005)

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