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Buchbesprechung: Melvin Burgess "Doing it"

Lesealter 14+(Carlsen-Verlag 2004, 345 Seiten)

Schon das Cover fällt bei diesem Buch auf: ausgezogene Turnschuhe und ein fallen gelassener Spitzen-BH – auf der Rückseite dann noch Socken und die zu dem BH gehörende Unterhose… Ein hübsches Buchcover! (Das englische Original sieht übrigens nicht so gut aus…) Zieht man noch den Titel zu Rate, dann ahnt man schon, von welchem Thema das Buch handelt: Ja, es geht um Sex.
In England soll das Buch des Schriftstellers aus Manchester übrigens schon vor seinem Erscheinen kontroverse Diskussionen ausgelöst haben. Na, wenn das keine Empfehlung ist…

Inhalt:

Ben und Alison tun es, Jonathon und Deborah wollen es tun. Dino will es und Jackie will es nicht tun.“ So steht es auf dem Buchrücken – knapper und schöner kann man das Buch eigentlich nicht zusammenfassen. Doch ganz so vollständig ist diese Inhaltszusammenfassung dann doch nicht… – also noch mal von vorne.
Ben, Dino und Jonathon sind Freunde und ihr Lieblingsthema sind Mädchen und Sex. Fast alles dreht sich bei ihnen darum. Doch ihre Gespräche miteinander bleiben recht oberflächlich. Denn dass Ben mit Alison liiert ist, weiß niemand von den beiden anderen. Das sollen sie auch nicht wissen, denn Alison ist Theaterlehrerin an ihrer Schule – und würde jemand etwas von dem Verhältnis der beiden wissen, wäre Alison wohl ihren Job los und Ben flöge von der Schule. Doch nicht nur deswegen ist Bens Beziehung mit der fast doppelt so alten Alison nicht so ganz einfach…
Jonathon dagegen hat ganz andere Nöte: Deborah, eine als Pummelchen bekannte Mitschülerin, ist in ihn verliebt. Und eigentlich findet er sie auch ganz nett – aber kann man mit einem dicken Mädchen gehen? Eigentlich nicht, denn dann ist er bei den anderen unten durch. Doch immer wenn er neben Deborah steht, wird er ganz schwach, fühlt sich zu ihr hingezogen und möchte Sex mit ihr haben… Doch mit einer Dicken?
Schließlich Dino. Auch er hat es nicht einfach. Die hübsche Jackie hat eigentlich einen acht Jahre älteren Freund, aber irgendetwas in ihr, das sie selbst nicht begreift, lässt sich von Dinos Schmeicheleien beeindrucken. Und das, obwohl Dino als arroganter Verführer bekannt ist. Doch als sie Dinos Werben schließlich nachgibt, kommen neue Schwierigkeiten daher. Dino möchte mit ihr schlafen, doch irgendetwas in ihr (schon wieder!) lässt sie zögern, ihm diesen Gefallen zu tun…

Bewertung:

„Doing it“ ist ein ganz besonderes Buch. Wo – außer in Porno-Romanen – hat man schon mal so viel über das Thema Sex gelesen wie hier?
Auf den ersten Seiten ist man erst einmal etwas schockiert, weil Dino, Jonathon und Ben darüber reden, ob sie lieber mit Jenny, der hässlichsten Schülerin der Schule, oder mit der Pennerin vor der Bäckerei „vögeln“ würden. Oder doch lieber mit Mrs. Wood, einer alten Lehrerin, bzw. mit Maggie Thatcher, der früheren Premierministerin… O la la, in was für ein Buch ist man da geraten? Aha, deshalb hat das Buch wohl kontroverse Diskussionen in England ausgelöst…
Aber so geht es nicht weiter. Nach und nach werden Dino, Ben und Jonathon immer genauer beschrieben – mit ihren Gelüsten, aber auch mit ihren Macken und Problemen -, so dass „Doing it“ kein oberflächliches Buch über Sex bleibt, sondern letztendlich auch viele Probleme, die mit dem Thema zusammenhängen, aufgreift. Darf man zum Beispiel mit einer Dicken gehen? Oder wie geht man damit um, wenn man selbst mit der Freundin schlafen möchte, diese aber nicht mit einem? Wie ist es, wenn die eigene Mutter einen Freund hat? Wie macht man mit einer Freundin Schluss, wenn man sich ihr das eigentlich nicht sagen traut? etc. Es werden viele solcher Fragen gestellt, die sonst selten, und schon gar nicht so offen und unterhaltsam, thematisiert werden. Das ist das Besondere an dem Buch.
Dass Melvin Burgess übrigens ein guter Schriftsteller ist, immer wieder witzig, durchwegs treffend und gekonnt schreibt, sollte vielleicht auch noch angefügt werden. Nur so am Rande…

Fazit:

5 von 5 Punkten. Was für ein Buch! Melvin Burgess nimmt wirklich kein Blatt vor den Mund, wenn es um das Thema Sex geht – und das geht es in „Doing it“ ständig. Das ist nicht pornografisch und voyeristisch, sondern sympathisch und gekonnt, weil sich im Laufe des Buches zeigt, dass die ständig über Sex redenden Jungen eben durchaus keine kühl kalkulierenden Sexprotze sind, sondern durchaus Gefühle kennen und Probleme haben – nicht nur beim Sex. Wer sich auf diese „Achterbahnfahrt der Wünsche, Gedanken und Gefühle“ (wie es der Buchumschlag beschreibt) einlassen will, dem kann ich nur sagen: Es lohnt sich, dieses Buch zu lesen. 14 oder 15 Jahre sollte man jedoch dafür schon alt sein…

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(Ulf Cronenberg, 30.01.2005)

Weitere Meinungen:

Hier wird alles ausgesprochen, nichts verschwiegen oder ausgelassen. Das schockiert vielleicht im ersten Augenblick, ist man diese Offenheit in Bezug auf Sex doch nicht von allen Jugendbüchern so gewohnt. Aber es ist einfach real. Bald merkt man, dass im Bezug auf dieses Thema nicht alles nur locker-flockig „Fun“ verspricht, sondern dieser Bereich ist auch mit extremer Unsicherheit behaftet. Die Sexualität steht folglich unbestreitbar im Mittelpunkt allen Erlebens und Denkens der Jugendlichen im Buch. Doch auch andere Probleme werden angesprochen. Am Ende des Buches zeichnen sich Lösungen ab, deuten sich neue Perspektiven an.
Die Sprache ist frisch und locker, nicht im Übermaß oder anbiedernd jugendlich. An manchen Stellen ist sie wunderbar bilderreich.
Insgesamt gesehen finde ich das Buch gut, es ist mutig und etwas ganz anderes, woran wir erwachsenen Leser uns wohl erst noch gewöhnen müssen, was bei den Jugendlichen bestimmt aber gut ankommt. Allerdings finde ich, konnte Burgess sein früheres Niveau (wie z. B. bei „Verdammt nah dran“, das mich schwer beeindruckt hat) nicht halten.

(Iris Henninger)

Lektüretipp für Lehrer!

Ein Herausforderung für wirklich wagemutige Deutschlehrer, die sich nicht scheuen, mit ihren Schülern über das Thema Sex und Beziehung zu reden. Drei Jungen denken immer nur an das eine und merken bald, dass Sex und Beziehungen nicht so funktionieren, wie ihnen das ihre Fantasie einflüstert.
Es gibt kaum ein schonungsloseres Jugendbuch über dieses Thema, das zugleich jedoch auch einfühlsam mit Problemen von Jugendlichen umgeht. Wenn man sich Aufklärungsunterricht mal anders, besser als meist bisher vorstellt, so könnte Melvin Burgess‘ Buch ein Teil davon sein. Als Schullektüre ab der 9. Jahrgangstufe (eher im zweiten Schulhalbjahr) zu empfehlen – dieses Buch werden die Schüler sogar in den letzten beiden Schulwochen freiwillig lesen, vermute ich. Nicht gerade zur Notengebung geeignet… 🙂

Kommentare (0)

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  2. Lothar R. Kötter

    Ich teile Ihre Meinung. Da ich keinen Hinweis gefunden habe: Nehmen Sie doch einmal „Junk“ von Melvin Burgess auf Ihre Leseliste.

    Antworten
  3. Pingback: Jugendbuchtipps.de» Blogarchiv » Kurzrezension: Bernard Beckett „Stechzeit“

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