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Buchbesprechung: Erik Orsenna "Die Grammatik ist ein sanftes Lied"

Cover OrsennaLesealter 12+(Hanser-Verlag 2004, 135 Seiten)

Seit 1993 Jostein Gaarder „Sofies Welt“ erschienen ist, gibt es immer mehr Bücher, die Sachinhalte in einen Jugendroman packen. Philosophie, Theologie, Psychologie und Mathematik werden in eine Geschichte eingebaut, um Jugendlichen Wissen und Bildung zu vermitteln.
Nun hat es auch die Grammatik erwischt… Das klingt vielleicht etwas abfällig, so wie ich das schreibe, aber ganz so ist es dann doch nicht gemeint. Es wäre schließlich ein wünschenswertes Wunder, wenn ein Autor Kindern und Jugendlichen Grammatik, die in der Schule meist so öde ist, auf unterhaltsame und spannende Weise nahebringen könnte.
Erik Orsenna, ein französischer Schriftsteller, hat sich an die Aufgabe gewagt – und wie er sich dabei geschlagen hat, erfahrt ihr im Folgenden…

Inhalt:

Die 10-jährige Jeanne ist von ihrer Lehrerin Frau Preisendanz ganz begeistert – denn ihre Lehrerin ist unsterblich in den Fabeldichter Jean de Lafontaine verliebt. Der ist freilich längst tot, aber dessen Fabel liebt Frau Preisendanz über alles. Entsprechend oft werden die Fabeln im Unterricht aufgegriffen und Frau Preisendanz schmilzt jedes Mal dahin, wenn sie aus den Fabeln Lafontaines zitiert. Den Schülerinnen und Schülern gefällt diese Schwärmerei.
Eines Tages kommt eine Inspektorin namens Frau Regelhuber in den Unterricht von Frau Preisendanz – doch diese ist vom Unterricht von Jeannes Lehrerin überhaupt nicht angetan. Frau Preisendanz wird sofort in eine einwöchige Fortbildung geschickt, wo sie lernen soll, wie man den Kindern wissenschaftlich exakt Grammatik beibringt.
Ein paar Tage später stechen Jeanne und ihr 14-jähriger Bruders Thomas in See. Denn ihre Eltern leben getrennt – und zwar auf verschiedenen Kontinenten. Und da Jeanne und Thomas nicht gerne fliegen, müssen sie im Schiff den Atlantik überqueren, wollen sie zum anderen Elternteil.
Doch auf der Fahrt kommt es diesmal zu einem heftigen Sturm, bei dem das Schiff schließlich kentert. Jeanne und Thomas verlieren beim Untergang das Bewusstsein, wachen auf einer einsamen Insel wieder auf und haben ihre Sprache verloren. Beim Erkunden der Insel, merken sie schon bald, dass dies kein gewöhnliches Eiland ist, denn auf der Insel leben neben Menschen vor allem Wörter. Mit Hilfe von Freunden, die sie schon bald auf der Insel finden, wird ihnen langsam wieder die Sprache beigebracht – z.B. in einer Wortfabrik, in der aus Substantiven, Adjektiven, Verben, Pronomen etc. Sätze gebildet werden können. Doch auf der Insel treibt auch der fiese Gouverneur Nekrol sein Unwesen, der Jeanne eines Tages entführt…

Bewertung:

„Die Grammatik ist ein sanftes Lied“ ist ein seltsames Buch. Es beginnt als nette Geschichte über die Schule, die mit eindringlichen Worten und viel Gefühl erzählt wird. Doch zunehmend entwickelt sich das Buch zu einem fantastischen Roman, bei dem eine Insel von Wörter bevölkert ist. All das wird in einem kunstvollen Ton erzählt, der sich anfühlt, als würde der Erzähler in einem Traum wandeln. Das hat einerseits seinen Reiz, jedoch kann die Geschichte selbst da nicht mithalten, da sie kaum Spannung hat. Die Handlung der Geschichte erinnert an ein Kinderbuch für 5-Jährige – aber für die ist dann das Buch doch eindeutig zu kompliziert.

Fazit:

2 von 5 Punkten. Schade, von einem Buch, das in Frankreich 500.000 mal verkauft wurde, hatte ich deutlich mehr erwartet. Die Story ist harmlos und Begeisterung für Grammatik kann das Buch meiner Meinung nach bei Kindern und Jugendlichen kaum wecken. Es würde mich jedenfalls wundern, wenn es anders wäre… (Aber ich lass mich gerne vom Gegenteil überzeugen.)
Überhaupt frage ich mich, für wen das Buch eigentlich geschrieben sein soll: für Kinder, für Jugendliche, für Erwachsene, für Deutschlehrer? Kinder und Jugendliche dürften eher gelangweilt sein, sprachverliebte Erwachsene mögen das Buch nett finden – mehr aber auch nicht… Da hilft es auch nicht, dass „Die Grammatik ist ein sanftes Lied“ sicherlich gut übersetzt wurde und schön illustriert ist.
Einer Sache bin ich mir jedoch sicher: Auszüge aus dem Buch werden sich bald in deutschen Sprachlehre-Büchern wiederfinden – denn an der ein oder anderen Stelle wird mit den Wörtern auf nette Art und Weise gespielt. Aber ob das den Grammatikunterricht revolutionieren wird?

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(Ulf Cronenberg, 10.12.2004)

Weitere Meinungen:

Orsenna unternimmt hier den Versuch, Sprache für vom Sprach- und Grammatikunterricht gestresste Schulkinder wieder attraktiv und liebenswert zu machen. Indem er abstrakte Begrifflichkeiten und Analysen in seiner märchenhaften Geschichte konkretisiert, arbeitet er die essentielle Bedeutung der Sprache für den Menschen und sein Leben heraus. Leere Wörter werden durch Aufladung mit Bedeutung zu wirkenden Worten.
Besonders ist auch die deutsche Bearbeitung hervorzuheben, die sowohl in der Textgestaltung als auch Illustration im Vergleich zum Original etwas völlig Neues ist. Vollmann hatte nicht nur eine Übersetzung, sondern eine komplizierte Übertragung zu leisten, was meiner Ansicht nach hervorragend gelungen ist. Ein schönes, unsentimental erzieherisches Bildungs-Märchen zur Schärfung des Sprachbewusstseins – wider die Angst vor dem Vergnügen an Wörtern. Da das Buch jedoch auch jede Menge nicht einfache (Fremd-) Wörter enthält, lautet meine Empfehlung: ab 10 Jahre, mit Begleitung bzw. Erklärungen auch ab 8.

(Iris Henninger)

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