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Buchbesprechung: Chris Lynch "Nenn es wie du willst"

Cover LynchLesealter 16+(Carlsen-Verlag 2003, 159 Seiten)

In den USA scheint Chris Lynch relativ bekannt zu sein, im deutschensprachigen Raum hat er mit seiner Übersetzung von „Freewill“ (so heißt „Nenn es wie du willst“ im Original) sein Debüt.
Das Cover des Buches ist auffallend künstlerisch gestaltet (dafür schon mal ein Lob an den Carlsen-Verlag!), weist zugleich aber darauf hin, dass es sich bei dem Buch um einen eher düsteren Roman handeln könnte. Ein bewölketer Himmel, das graue Meer und eine zerbrochene Glasscheibe – entspricht das der Stimmung in dem Roman?

Inhalt:

Will hat durch einen Autounfall seine Eltern verloren – und es scheint nicht ganz klar zu sein, ob der Vater u.U. nicht absichtlich von der Straße abgekommen war. Aber Genaues weiß man nicht. Seit dem Tod seiner Eltern lebt Will bei seinen Großeltern, die er Pops und Gran nennt – aber so richtig gut kommen die drei nicht miteinander zurecht. Die Großeltern scheinen mit Will und seiner schwierigen Situation überfordert zu sein. Und Will wird auch so dargestellt, als käme er mit vielem nicht zurecht. Er redet ständig mit sich selbst (weil im Buch aus Wills Sicht erzählt wird, weiß man, was genau sich in seinem Kopf abspielt), er zweifelt an allem und scheint psychisch angeschlagen. Seine Tage verbringt Will nicht in einer normalen Schule, sondern anscheinend (das muss man so sagen, denn Genaues erfährt man auch hier als Leser nicht) in einer Einrichtung für psychisch kranke Jugendliche. Dort arbeitet er in einer Schreinerei-Werkstatt, die einen therapeutischen Charakter hat. Seine „Mitschüler“ treten im ganzen Buch nicht in Erscheinung – außer Angela, zu der Will vorsichtig Kontakt aufnimmt. Nach einer längeren Zeit, in der beide sich trotz verhohlenem Interesse aneinander eher demostrativ aus dem Weg gehen, gewinnen Angela und Will doch etwas Vertrauen zueinander – aber einfach bleibt ihre Beziehung bis zum Ende des Buches nicht.
In der Stadt, in der Will lebt, ereignen sich im Laufe der Geschichte mehrere Selbstmorde bzw. Morde (auch das wird nicht richtig aufgeklärt) – und Will wird indirekt in den Strudel dieser (Selbst-)Morde hineingezogen. Denn an der Stelle, wo das erste Mädchen tot aufgefunden wurde, hat er eine seiner Holzskulpturen hingestellt. Und als Will schließlich eine zweite und dritte Skulptur an den Stellen aufstellt, wo weitere (Selbst-)Morde passieren, wird er verdächtigt, damit etwas zu tun zu haben…

Bewertung:

„Nenn es wie du willst“ ist kein einfaches Buch – nein, es ist anstrengend, es zu lesen. Es hat lange gedauert, bis ich überhaupt in die Geschichte hineingekommen bin, denn die Geschichte setzt einfach ein und die notwendigen Hintergrundinformationen (Wer ist Will überhaupt? Was ist das für eine merkwürdige Schule, in die er geht? Wo lebt er und mit wem? Was ist mit seinen Eltern passiert?), all das erfährt man erst im Laufe der Erzählung – und da auch immer nur am Rande und sehr vage. Wer solche Versteck- und Puzzle-Geschichten mag, liegt mit dem Buch von Chris Lynch richtig. Insgesamt ist das Buch arm an Handlung – so richtig etwas passieren tut eigentlich nicht. Die vorsichtige Liebesgeschichte zwischen Angela und Will ist eigentlich schon der Höhepunkt der Handlung. Gut gelungen ist es Chris Lynch, die Gedankengänge des psychisch angeknacksten Will darzustellen. Aber für Leser, die Handlung und Spannung wollen, ist das sicherlich zu wenig.
Ein dickes Lob verdienen jedoch das Buchcover (das hab ich oben ja schon erwähnt) und die Typografie des Buches (also wie die Seiten gestaltet sind und mit welcher Schrift das Buch gesetzt ist). „Nenn es wie du willst“ ist eines der am künstlerischsten gestalteten Bücher des Jahres.

Fazit:

2 von 5 Punkten – über einen halben Punkt mehr, könnte man noch mit mir reden… aber mehr? „Nenn es wie du willst“ ist ein anstrengendes Buch, das zu lesen einfach zu wenig Spaß macht. Sicher – wenn man das Buch von einer anderen Ebene aus betrachtet, dann ist es kunstvoll verfasst mit den realistischen Selbstgesprächen von Will, die sehr genau das Denken eines psychisch kranken Jungen beschreiben. Aber Lesen sollte auch unterhalten – und das kommt in dem Buch zu kurz.
Ein Buch für gehobene Leser ab 16 Jahren, die sich gerne in komplizierte Gedankengänge anderer hineinversetzen.

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(Ulf Cronenberg, 23.08.2003)

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