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Buchbesprechung: Karen M. McManus „One of us is next“

Cover: Karen M. McManus „One of us is next“Lesealter 14+(cbj 2020, 443 Seiten)

One of us is lying“ hieß der erste ins Deutsche übersetzte Roman der Amerikanerin Karen M. McManus, und der packenede Psychothriller wurde von der Jugendjury gleich für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert – als bestes Buch ausgewählt wurde er dann allerdings nicht … Die Namensähnlichkeit im Titel des neuen Jugendromans ist nicht zufällig: „One of us is next“ spielt an der gleichen Highschool, einigen Figuren aus dem ersten Buch begegnet man wieder, der Jugendromamn hat außerdem wieder den Anspruch, spannend zu sein; allerdings spielt er ein gutes Jahr später.

Inhalt:

Die Schulleitung der Bayview Highschool war seit Simons Tod und den ganzen Vorfällen damals bemüht, dem Mobbing – vor allem im Internet – ein Ende zu setzen. Und trotzdem kehrt keine Ruhe ein. Ein Unbekannter schickt an die Schülerinnen und Schüler Nachrichten und spricht davon, dass bald ein Wahrheit-oder-Pflicht-Spiel beginnen würde. Die Opfer seien schon ausgewählt und würden bald eine Nachricht bekommen.

Die erste Schülerin, die sich für Wahrheit oder Pflicht entscheiden muss, ist Phoebe: entweder wird etwas sehr Brisantes über sie veröffentlicht oder sie muss eine Aufgabe übernehmen. Phoebe hat keine Lust, sich darauf einzulassen, und deswegen wird am Tag darauf etwas veröffentlicht, was fast wie eine Bombe einschlägt: Sie hat angeblich auf einer Party, kurz nachdem sich ihre Schwester von ihrem Freund getrennt hatte, mit diesem geschlafen. Wie der Unbekannte an diese Information gelangen konnte, ist Phoebe ein Rätsel – aber es stimmt, und ihre Schwester Emma spricht danach kein Wort mehr mit ihr.

Maeve, die bei der Aufdeckung von Simons Todesumständen damals eine Rolle gespielt hat, und Knox sind zwei weitere Schüler, die das Spiel verfolgen und die es auch treffen kann. Beide sind befreundet, waren früher mal kurz ein Paar. Als Maeve die Nachricht bekommt, dass sie als nächste Person von dem Unbekannten ausgewählt wurde, entscheidet sie sich wie Phoebe. Sie meint, dass es nichts gäbe, was sie zu verheimlichen hätte. Doch sie irrt sich: Der Unbekannte veröffentlicht ein intimes Detail aus der kurzen Beziehung zwischen Maeve und Knox, das dazu führt, dass Knox nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Doch es wird bald noch heftiger …

Bewertung:

Mit Fortsetzungen von erfolgreichen Büchern, vor allem wenn sie nicht gleich als mehrbändiges Werk angelegt sind, ist das ja manchmal so eine Sache. „One of us is next“ (Übersetzung: Anja Galić; amerikanischer Originaltitel: „One of us is next“) ist sicher vom großen Erfolg von Karen M. McManus‘ Debüt „One of us is lying“ inspiriert worden und war nicht von Anfang an geplant. Das vorliegende Folgeband ist allerdings nichtsdestotrotz ein eigenständiges Buch: Wer das Debüt nicht gelesen hat, kann auch den neuen Jugendroman verstehen; aber da es wieder auftretende Figuren gibt, ab und an Bezug auf die Vorgeschichte genommen wird, hat man mehr von „One of us is next“, wenn man den ersten Roman kennt.

Auf den ersten gut 150 Seiten hat man als Leser, der „One of us is lying“ kennt, auf mehreren Ebenen Déjà-vu-Erlebnisse – positive wie leicht negative: Die Umgebung der Bayview Highschool kommt einem vertraut vor, einige Figuren kennt man auch noch; allerdings stellt sich zugleich das Gefühl ein, dass Karen M. McManus es noch mal mit einem recht ähnlichen Plot versucht: Wieder spielen Gerüchte und Geheimnisse eine wichtige Rolle, und ein Unbekannter nutzt soziale Netzwerke, um anderen übel mitzuspielen. Auch das hatte man schon.

Das Wahrheit-oder-Pflicht-Spiel, zu dem der Unbekannte Schülerinnen und Schüler zwingt, hat es in sich – es spitzt sich im Laufe des Buchs immer mehr zu und wird recht heftig. Allerdings drängte sich mir beim Lesen ständig eine Frage auf: Warum kommt eigentlich keine/r der Schülerinnen und Schüler auf die Idee (gerade weil es ein Jahr zuvor die schlimmen Ereignisse um Simon gab), die Schulleitung oder die Polizei darüber zu informieren. Hunderte von Schülerinnen und Schülern spielen da mit … Das ist für mich der fragwürdigste Teil der Buchkonstruktion.

Glücklicherweise bekommt die Geschichte vor der Mitte eine andere Wendung, die Déjà-vu-Erlebnisse verschwinden und als Leser erlebt man „One of us is next“ dann doch nicht nur als Wiederholung eines Erfolgrezepts. Spannend ist das Buch in jedem Fall, es gibt auch einige unerwartete Wendungen; der Jugendroman lebt davon, dass es einige Geheimnisse gibt, die erst am Ende gelüftet werden, und von daher liest sich die Geschichte, wenn man einmal darin angekommen ist, wie von selbst.

Die Figuren im Buch – erzählt wird immer abwechselnd aus der Sicht von drei Personen: Phoebe, Maeve und Knox – sind psychologisch raffiniert dargestellt, manchmal hat man jedoch den Eindruck, dass sie eine dem Plot geschuldete übertriebene Komplexität haben. Gerade wenn es darum geht – aber davon lebt die Geschichte natürlich –, Geheimnisse zu haben, sich nicht mit anderen ehrlich auszutauschen und miteinander zu sprechen, scheint mir manches dann doch übertrieben. Aber gut, „One of us is next“ ist ein Buch, das in Richtung Psychothriller geht, dessen Ziel es nicht ist, die Realität authentisch darzustellen, sondern in dem der Lesespaß im Vordergrund steht.

Dass „One of us is next“ ein sehr amerikanisches Buch ist, war zu erwarten – das war bereits das, was mich in „One of us is lying“ am meisten gestört hat. Auch in dem neuen Roman von Karen M. McManus gibt es viel von dem typischen Highschool-Getue zwischen den Schülerinnen und Schülern, wobei weder die beiden weiblichen Hauptfiguren Maeve und Phoebe noch Knox die typischen Klischees erfüllen. Das muss man dem Buch zugutehalten.

Fazit:

4 von 5 Punkten. Wer „One of us is lying“ mochte, darf sich freuen, dass Karen M. McManus mit ihrem neuen Buch eine Fortsetzung geschrieben hat, die einige Figuren wieder auftreten lässt und am gleichen Ort spielt, außerdem das packende Szenario des ersten Buchs wieder aufgreift. „One of us is next“ bietet, was man sich erhofft, und nach 150 Seiten entwickelt die Geschichte dann doch mehr Eigenständigkeit, als man das anfangs befürchtet. Eine gute Erzählerin, die weiß, wie man rund um Geheimnisse eine packende Geschichte strickt, ist Karen M. McManus in jedem Fall. Gekonnt weiß sie die Handlung voranzutreiben, so dass man nie gelangweilt ist.

Wer das amerikanische Highschool-Getue nicht mag (mir geht das oft so), der wird vielleicht nicht ein ganz großer Freund dieses Jugendromans werden, aber meine diesbezügliche Abwehrhaltung hat sich in Grenzen gehalten, weil Karen M. McManus es nicht übertreibt. Ich konnte gut damit leben. Klar, die Geschichte ist etwas artifiziell konstruiert, aber durch das psychologische Gespür für die Figuren und die gekonnte Inszenierung, hat „One of us is next“ trotzdem seinen Reiz. Bleibt die Frage, wie wohl der nächste Band (ich gehe davon aus, dass einer kommt) heißen wird: „One of us is …“?

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(Ulf Cronenberg, 28.06.2020)

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